„Ich wollte nie Trainer werden“ – Interview mit Thomas Helmer (Teil 1)

Der ehemalige Bundesligaprofi Thomas Helmer hat die Seiten gewechselt. Heute steht er als Fernsehexperte vor der Kamera und analysiert die Spiele der Bundesliga. Zur kommenden Saison wird er Jörg Wontorra als Moderator der Sendung „Doppelpass“ ablösen. Wir haben den sympathischen Europameister von 1996 getroffen und über Taktikanalysen, den modernen Fußball und seine Trainerlieblinge befragt. Hier ist der erste Teil des Interviews:

Thomas Helmer
Hat das Trikot gegen den Anzug getauscht: Thomas Helmer.
©SPORT1

Herr Helmer, sind Sie Fan von Relegationsspielen oder fänden Sie es fairer, wenn es direkte Auf- und Abstiege gäbe?

„Für uns Fußballfans, die nicht direkt betroffen sind, ist es immer sehr spannend. Man sieht ja auch immer wieder, dass es kein großer Nachteil für den unterklassigen Gegner ist. Die Teams bewegen sich meistens auf einem ähnlichen Niveau. Deswegen finde ich den Modus gut.“

Vergangene Saison haben sich ja, wenn auch glücklich, die höherklassigen Vereine durchgesetzt. Woran liegt das? Können sie besser mit dem Druck eines Relegationsspiels umgehen?

„Dieses Jahr war auf jeden Fall eine Menge Glück dabei. Wenn Manuel Gräfe das Handspiel nicht pfeift, gibt es keinen Freistoß und somit wahrscheinlich auch keinen Ausgleich. Das sind immer so hauchdünne Entscheidungen. Ansonsten sehe ich den Druck eigentlich beim höherklassigen Verein. Schließlich besteht dort die Gefahr, dass sie absteigen, die anderen haben hingegen die Chance, aufzusteigen. Das spielt glaube ich schon eine Rolle, vor allem psychologisch. Deswegen sehe ich den Vorteil eher bei den unterklassigen Vereinen. Man sieht ja, wie schwer sich der HSV und die Münchner Löwen getan haben.“

Als ehemaliger Bundesligaprofi gibt es ja meistens drei vorgegebene Wege: Trainer, Fernsehen oder dem Fußball den Rücken zuzukehren. Warum haben sie sich fürs Fernsehen/ Journalismus entschieden? Können sie sich vorstellen später mal ins Trainergeschäft einzusteigen?

„Nein, Trainer wollte ich nie werden. Das habe ich von Anfang an kategorisch ausgeschlossen. Mir wurde zwar die Ausbildung angeboten, ich weiß nicht mehr genau, wie das offiziell heißt, aber es gibt so eine Art Schnellkurs für verdiente Nationalspieler, bei dem man die Trainerlizenz in sechs Wochen machen kann, aber das wollte ich nicht. Ich wollte nicht denselben Lebensrhythmus wie vorher haben.
Wie es dann weiterging, war mehr oder weniger Zufall. Als ehemaliger Profi kennt man sich ja doch ein bisschen mit der Materie aus und so war ich dann erst mal als „Experte“ tätig. Ich habe dann vorsichtig angefragt, ob ich die Fragen nicht auch mal stellen kann, anstatt sie immer nur zu beantworten. So bin ich da reingerutscht. Aber so richtig geplant war das nicht.“

War es am Anfang schwierig, vor der Kamera zu sein oder ist man das von den Interviews nach dem Spiel gewohnt?

„Ja, das ist mir total schwergefallen. Auf einmal steht man auf der anderen Seite. Ganz schlimm war es am Anfang im Studio. Da steht man dann ohne Publikum, schaut in ein schwarzes Loch und soll was machen. Das fand ich extrem schwer. Da hieß es dann immer: ‚Sei einfach so, wie Du bist‘. Aber das ist leichter gesagt als getan. Das hat eine ganze Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe.“

Bei den ganzen Taktikanalysen lernen Sie inhaltlich immer noch was dazu?

„Man entdeckt immer neue Sachen, oft auch nur Kleinigkeiten. Das ist schon spannend. Wir schauen uns die Szenen natürlich mehrmals an. Wenn wir zum Beispiel ein Tor analysieren, schauen wir uns sowohl die Mannschaft an, die es erzielt hat, als auch die Verteidigende. Was hat die Offensive gut gemacht, wo waren Fehler in der Defensive. Da entdeckt man immer wieder neue Fehlerquellen oder Varianten eines Trainers, die man so noch nicht kannte. Gerade in der heutigen Zeit, wo das Spiel noch schneller geworden ist und die Taktik eine enorme Rolle spielt, muss man wirklich genau hinsehen. Ich glaube auch, dass sich die Vereine und Trainer immer etwas Neues einfallen lassen müssen. Mittlerweile beobachtet ja jeder jeden.“

Hier geht’s zum zweiten Teil des Interviews. Darin verrät uns Thomas Helmer, von welchem Trainer er am meisten gelernt hat, wie man die Bayern stoppen kann und wie seine Prognose für den Fußball der Zukunft aussieht.