Pädagogischer Leiter Navarro über seine Arbeit beim TSV 1860 München

Maurice Navarro, pädagogischer Leiter, ist für die Internatsspieler der erste Ansprechpartner bei Problemen. Er kümmert sich um schulische Angelegenheiten der Junglöwen, aber auch die Arbeit der Bundesfreiwilligendienststellen organisiert Navarro.

Hier nochmal alles zum nachlesen:

Mein Name ist Maurice Navarro. Ich bin der pädagogische Leiter vom 1860 NLZ. Wie ich dazu gekommen bin, war ein reiner Zufall. Also ich habe eigentlich nicht so viel mit Fußball zu tun gehabt, außer dass ich vielleicht mich für 1860 sehr stark interessiert habe. Aber bin Sozialpädagoge, habe das studiert, habe in Berlin gelebt. Und dann war die Stelle ausgeschrieben. Habe mich beworben vor drei Jahren und plötzlich ist man leitender Pädagoge im NLZ in der Bundesliga.

Also da ich ja so in meinem Bereich so ziemlich selbstständig arbeite, also natürlich als pädagogischer Leiter ist man ein bisschen unabhängig von der ganzen sportlichen Seite, erlebe ich 1860 als ziemlich relaxten Arbeitgeber, sage ich mal, weil natürlich in meinem Fachgebiet bin ich auch so mein eigener Boss sozusagen. Aber so im Großen und Ganzen ist eine super Atmosphäre im NLZ. Also mit den Kollegen, auch mit den Trainern, also auch mit den sportlichen Vertretern habe ich echt einen engen Draht, sitze ja auch im gleichen Büro mit denen. Und also es ist eine sehr familiäre Atmosphäre, sehr freundschaftlicher Umgang miteinander. Und was man sich vielleicht mal wünschen würde noch mit, ein bisschen mehr Kontakt auch zu den Profiabteilungen, aber da ist man, glaube ich, auch auf dem Weg gerade, das irgendwie noch enger zu verknüpfen.

Der Pädagoge macht so unterschiedliche Dinge. Also es kommt drauf an. Also erste Priorität hat natürlich das Internat. Wir haben 13 Internatsplätze. Da bin ich so der Ersatzpapa, Ersatzmama auch. Also heißt, ich kümmere mich um alles, was nicht mit Fußball zu tun hat. Sprich, Schule, Essen, wenn jemand krank ist, Heimfahrten, Heimweh, wenn einer hat, bin ich halt so die Ansprechperson. Das ist so meine Kernaufgabe, sage ich mal. Aber auch jetzt bei anderen Spielern, die jetzt quasi in den unteren Mannschaften spielen und aus der Münchner Gegend kommen, da sorgen wir dafür, dass die halt dann auch eventuell Nachhilfe kriegen oder Hausaufgabenbetreuung. Manche kommen hierher zum Mittagessen. Das koordiniere ich alles. Zudem haben wir noch fünf Bundesfreiwilligendienstler. Ich kümmere mich auch darum, dass diese Bundesfreiwilligendienststellen bei uns eingerichtet sind. Wir überbrücken da also quasi ein Jahr. Wenn ein Spieler jetzt mit der Schule fertig ist und noch nicht eine Ausbildung machen kann, ist schwierig, wenn man hier im Leistungsbereich Fußball spielt. Und da haben sie eben die Möglichkeit, sich beruflich zu orientieren im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes. Machen dann auch eine Trainerausbildung und haben dann so ein leichtes berufliches Fundament und können schon mal gucken, würde denen das Spaß machen, zum Beispiel als Trainer zu arbeiten oder in der Organisation von so einem NLZ mitzuwirken, ob das so ihre Sache wäre eventuell.

Also die Ausbildung, schulische Ausbildung, sage ich mal, ist immer an erster Stelle, das ist ganz klar. Ist natürlich nicht leicht, wenn man dann in der Bundesliga spielt, in der U17- oder in der U19-Bundesliga hat man natürlich sehr viel zeitlichen Aufwand, was Training und Spiele angeht, aber im Grunde, oder unsere Prämisse ist eigentlich, dass immer Schule Vorfahrt hat. Das heißt, wenn jetzt einer wirklich mal Probleme hat in der Schule, zum Beispiel kurz vorm Abitur, dann ist das auch immer normal, dass der dann auch mal eine Woche aus dem Training zum Beispiel geht oder ein paar Tage, um sich dann auf seine Klausuren vorzubereiten. Also das hat dann immer Vorfahrt, ganz klar. Oder wenn einer in der Schule abstürzt, dann überlegt man eben, kann man ihn am Montag vielleicht aus dem Training nehmen? Also da schauen wir schon immer, dass das Vorfahrt bleibt. Weil die berufliche Perspektive Fußballprofi, die kann man bei keinem prognostizieren, das ist nicht möglich. Also selbst das Toptalent aus der U19 heute hat morgen Beinbruch, und dann ist es vorbei.

Also und das versuchen wir auch immer wieder unseren Jungs zu sagen. Das ist ja auch ein schwieriger Grat, dass die das verstehen. Weil an und für sich, wenn man jetzt hier durchfragt bei unseren Spielern, würde ich sagen, hat 90 Prozent den Anspruch, Profi zu werden. Die Realität sieht natürlich genau anders rum aus, ungefähr. Wenn überhaupt. Also ich denke, dass der Prozentsatz sogar niedriger ist als 10 Prozent, die dann wirklich vom Fußball leben können und gut leben können. Ist ja auch nochmal ein Unterschied. Das versuchen wir denen natürlich immer wieder zu vermitteln. „Jungs, ein Viertligaspieler oder ein Drittligaspieler, der wird nicht so viel verdienen, dass er dann ausgesorgt hat.“ Weil das ist dann auch, eine Profiperspektive kann ja auch Dritt- oder Viertligaspieler heißen. Und da hat man eben nicht ausgesorgt. Und die träumen natürlich immer von Ronaldo oder von Bastian Schweinsteiger. Das sind natürlich Ausnahmespieler. Und das sind die wenigsten natürlich, die mal so viel Geld verdienen werden mit dem Fußball. Natürlich haben wir viele Spieler, die in der Bundesliga spielen und auch wahrscheinlich finanziell ausgesorgt haben, aber wenn man mal die Gesamtmenge von Spielern, die wir in den letzten zehn Jahren rausgebracht haben, nimmt und dann die Anzahl von den Spielern, die jetzt wirklich ausgesorgt haben, ist das ein Bruchteil. Also ich würde sagen, 2 Prozent oder 3 Prozent.

Wir versuchen die immer wieder zu erden, aber es ist auch, wie gesagt, nicht so einfach. Viele bauen ihre Traumschlösser. Und das ist auch so meine Hauptaufgabe, eigentlich so die auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Ist natürlich oft schwierig, wenn dann Berater mitspielen oder die Eltern dann auch hohe Erwartungen haben. Aber meistens sind die Eltern auch auf meiner Seite. Also wir haben ja keine eigene Schule hier. Wir haben aber drei Partnerschulen, ein Gymnasium, eine Realschule und eine Mittelschule. Das sind Eliteschulen des deutschen Fußballs. Diese Schulen sind zertifiziert durch den DFB und sind ausgezeichnet, dass sie eben speziell für Leistungssportler ausgerichtet sind. Das heißt, die Spieler haben nochmal zusätzliche Trainingseinheiten im Vormittagsbereich, gehen aber im Gegenzug auf eine Ganztagsschule. Das heißt, sie haben dreimal die Woche nachmittags bis vier Uhr Schule. Dafür eben zwei Trainingsblöcke vormittags. Und sprich, alles, was mit Befreiungen, Freistellungen für Länderspiele oder Ländervergleiche, da haben wir natürlich einen sehr engen Kontakt zur Schule. Jede Schule hat einen Koordinationslehrer. Das ist mein direkter Ansprechpartner. Und ich bin dann eben auch zuständig, dass es, wenn es um Schulbefreiung geht, wenn eine Mannschaft mal am Freitag früher losfahren muss zum Auswärtsspiel, dass die dann eine Stunde eher aus dem Unterricht rauskommen, oder mal einen ganzen Tag eben. Wenn man auf Länderspielreise geht, kann es auch mal eine ganze Woche sein. Da wird dann auch wieder mit dem DFB quasi abgestimmt, was müssen die dann im Lehrgang zum Beispiel nachholen für Lerninhalte? Das kontrolliere ich so ein bisschen mit und koordiniere es mit der Schule, dass die dann eben nicht so viel versäumen. Sie versäumen natürlich Unterricht. Aber dass so die wichtigsten Fächer abgedeckt sind, dafür sorgt dann der DFB. Aber ich bin dann so auch die Schnittstelle immer zwischen Schule, DFB und Spieler sozusagen.

Diese Eliteschulen gibt es, wie gesagt, in allen größeren Städten, wo Bundesligastandorte sind. Die bundesweite Zahl weiß ich jetzt auch nicht auswendig. Die haben, wie gesagt, sehr viele Vorteile für die Spieler, mit dem Nachteil, dass es eine Ganztagsschule ist. Was auch gut ist, die haben natürlich viel weniger Hausaufgaben als normale Schulen, weil die eben Rücksicht nehmen auf die engen Zeitfenster von Spielern. Lernen für Schulaufgaben müssen die natürlich aber trotzdem. Und da ist es oft schwierig, Zeiten, Fenster zu finden, um Nachhilfe zu geben. Da komme ich dann wieder ins Spiel. Ich habe eine ganze Reihe von Hausaufgabenbetreuern und Nachhilfelehrern. Und da versuche ich dann punktuell, die Spieler so zu unterstützen, dass sie dann zu den Klausuren auch fit sind und da nicht ins Straucheln geraten.

Es kommt natürlich auch vor, dass Spieler schulische Einbrüche haben. Also gerade, wenn man aus einem anderen Bundesland zum Beispiel jetzt bei uns ins Internat kommt, gibt es oft Probleme dann an die Anpassung. Da bin ich dann eigentlich immer ziemlich nah dran am Mann, wie man so schön sagen würde, und versuche, die dann gleich abzufangen und von Anfang an durch Nachhilfe zu unterstützen. Da gibt es aber auch eine ganz enge Abstimmung mit den Schulen, die auch nochmal Nachhilfeoptionen haben. Also das macht nicht nur der Verein, sondern auch mit den Schulen in Absprache dann immer. Klingt erstmal gut, aber sind natürlich junge Menschen, wie wir auch alle mal waren. Und Schule, wenn man Fußballprofi werden will, ist dann vielleicht nicht mehr ganz so wichtig. Von dem her ist es auch immer ein zähes Ringen. Bei uns im Internat ist das Prinzip so, dass jeder Schüler mir sofort seine Noten auch sagen muss. Heißt, wenn eine Klausur rausgegeben wird oder eine Schulaufgabe oder eine Ex, dann kommt er zu mir und ich notiere mir das. Dann habe ich quasi immer so einen aktuellen Überblick über den Notenstand oder den Förderbedarf von dem einzelnen Spieler. Und bin natürlich auch oft im Gespräch mit den Eltern und bin dann auch wieder die Brücke zu den Eltern, damit die Bescheid wissen, wie ihre Kinder eben in der Schule so gerade dastehen. Ich gehe dann auch zu den Elternabenden, spreche dann mit den Fachlehrern nochmal im Einzelnen. Und erstelle dann quasi so Hilfepläne für die Schüler, damit eben der schulische Bereich auch Nummer 1 bleibt und nicht doch der Fußball dann zu sehr Gewicht einnimmt.

Das kommt durchaus vor, wenn einer jetzt wirklich sich in der Schule auch disziplinarisch danebenbenimmt. Die Spieler sind natürlich auch unser Aushängeschild nach draußen, und das sind ja unsere Partnerschulen. Und wenn wir mitkriegen, dass ein Spieler von 1860 München in der Schule denkt, er ist der King und er muss nichts mehr machen und er ist der Coolste, dann hat das durchaus Konsequenzen und kann auch mal zur Suspendierung eines Spielers führen, kommt auch mal vor. Also die Spieler sind auch angehalten, den Verein in der Schule zu repräsentieren, sprich, sind unser Aushängeschild oder sind eben 1860, verkörpern den Verein. Und wenn da einer denkt, er ist was Besseres, oder sich eben danebenbenimmt, hat das auch sportliche Konsequenzen. Es ist immer ein ganz enger Austausch mit den Trainern, die sollen natürlich auch wissen, wie ihre Spieler in der Schule sind und wie die sich benehmen dort auch. Das ist natürlich eine ganz relevante Frage. Es ist ja auch meistens so, Leute, die in der Schule keine Disziplin zeigen, zeigen auch auf dem Platz keine Disziplin. Also das ist eigentlich eins zu eins ablesbar, wenn einer sich jetzt aufführt wie Sau, sage ich jetzt mal, in der Schule, hat er auch auf dem Platz oft disziplinarische, taktische Probleme. Und das ist auch ganz interessant für mich jetzt gewesen, das mal zu sehen, dass das eigentlich so eine Charaktereigenschaft ist, die man dann direkt ablesen kann auch wieder.

Der Kontakt zu den Trainern ist natürlich sehr eng. Auch dadurch bedingt, dass wir im gleichen Büro sitzen. Also ich sitze im gleichen Büro mit den ganzen hauptamtlichen Trainern. Da kommt man natürlich zwangsläufig zum Austausch mit denen. Und man sieht dann eben Parallelen zur schulischen Leistung und zur sportlichen Leistung, sind eigentlich oft sehr klar absehbar. Also ein intelligenter Spieler verhält sich natürlich taktisch auch besser als einer, der schwer von Begriff ist oder denkt, er hat schon alles geschafft, der lässt sich dann schwer was sagen. Und das sind so Parallelen, die erkennt man dann auch in der Schule, und auf dem Spielfeld sind die klar erkennbar oder im Verhalten im Training oder so. Also es ist ganz interessant auch. Also von daher ist auch die Zusammenarbeit ganz wichtig mit den Trainern. Also ich bin jetzt keiner, der dann hingeht und sagt: „Aus pädagogischer Sicht muss der jetzt raus aus dem Training“, sondern meistens findet man dann ganz gute Kompromisse, dass die Trainer, und dann setzt man sich zusammen mit Eltern, Trainer, Spieler und findet dann ganz gute Wege auch, wann kann gelernt werden, ohne dass auch sportlich was verpasst wird? Ist dann aber in Ausnahmefällen auch möglich. Wenn einer jetzt auf die Abschlussprüfung lernen muss, kann es sein, dass er aber auch mal zwei Wochen aus dem Training rausgenommen wird und dann nur noch selbst läuft, damit er eben optimal seinen schulischen Abschluss schafft, was natürlich für sein Leben viel wichtiger ist als vielleicht ein Punktspiel dann gegen Greuther Fürth oder so zu bestreiten.