Löwen-Retter Bierofka über die Jugendarbeit beim TSV 1860 München

Daniel Bierofka rettet den TSV 1860 vor dem Abstieg. Nach Abstiegsängsten und einem Trainerwechsel schafft Bierofka das Unmögliche und trägt zum Ligaerhalt der Löwen bei. Trotz der drei Siege in Folge muss der Interimstrainer wegen seiner fehlenden Trainerlizenz zu seinem ursprünglichen Posten der U21 zurückkehren.

Wie spannt man einen Bogen vom Jugendtraining zu komplexeren Übungen in Richtung Leistungsfußball?
Was macht ein effektives und interessantes Training, auch aus Spielersicht, aus?
Bierofka spricht über seine Arbeit als Trainer und was er selbst aus seiner Zeit als Profifußballer mitnehmen konnte.

Hier nochmal alles zum mitlesen:

Die Schwerpunkte sind eigentlich, dass man jetzt erstmal von der U14 praktisch, wo noch ein bisschen mehr auf die Individualtaktik geachtet wird, schon mal ein bisschen mehr in die Gruppentaktik reingeht und dass wir auch gerade im Zweikampfverhalten, wo bei der U14 noch ohne Gegnerdruck teilweise gearbeitet wird, schon in der U16 in den Wettkampfbereich gehen, wo wir dann auch richtig in den Zweikampf gehen, wo man auch mit Tempo arbeitet. Dann teilweise auch, wie gesagt, im Taktikbereich, wo man dann auch die Viererkette schult und das Rausrücken schult, dass man die Gegner unter Druck setzt. Dass man einfach da in den Bereich kommt, wo man einfach schon in Richtung Leistungsfußball geht. Ich denke, dass gerade in der U14 die Übungen noch nicht so komplex sind, aber wir in der U16 schon jetzt langsam anfangen, dass wir mit komplexen Übungen arbeiten, wo auch gerade Umschaltverhalten auch das Thema ist, bei zum Beispiel 2 plus 2, bei Ballgewinn, dass die ballverlierende Mannschaft sofort umschaltet ins gegnerische Viereck beziehungsweise dann die Mannschaft, die den Ballbesitz hat, umschaltet von aggressivem Spiel auf Ballbesitzspiel. Was, glaube ich, mittlerweile im Profifußball ganz wichtig ist, dass man einfach dieses Umschaltverhalten hat und dass man einfach auch nicht so viel Zeit verliert in dem Moment, sondern dass man sofort umschaltet. Und das ist eigentlich ein großer Schwerpunkt des Zweikampfverhaltens, ganz klar, dass man auch Wert legt auf Aggressivität, auf Druck gegen den Ball, dass man nicht nur abwartet, sondern dass man auch den Gegner unter Druck setzt, zu Fehlern zwingt und dann praktisch nach vorne spielen kann. Ich denke, das sind wichtige Kriterien in dem Alter, wo man dann auch schon Richtung Herrenfußball beziehungsweise Richtung Leistungsfußball so langsam schon die ersten Ansätze sieht. Also ich denke, das sind Übungen, die man allgemein gebrauchen kann, beziehungsweise die jeder Verein in sein Training einbauen kann.

Ich bin selber jetzt halt relativ neu als Trainer und ich habe jetzt schon relativ viel dazugelernt. Ich meine, im Profibereich sind es relativ oft dieselben Übungen, die man macht, weil gewisse Sachen kann man einfach voraussetzen, aber gerade im Jugendbereich, denke ich, muss man einfach sehr viel variieren, sehr viel schulen auch, sehr viele unterschiedliche Übungen machen, auch mit unterschiedlichen Kriterien beziehungsweise Schwerpunkten, damit die Jungs immer öfter gefordert werden, auch in unterschiedlichen Ansätzen. Und die Übungen, glaube ich, sind allgemein, kann man allgemein verwenden und ist, glaube ich, für jeden Verein positiv, wenn die Übungen gemacht werden.

Es ist für mich ein Rieseneinstieg, weil es ist unheimlich vielfältig, der Aufgabenbereich. Also es geht los ganz normal vom Training Planen über die Nachbereitung, in die Datenbank alles eingeben. Sehr akribisch alles, Videoanalysen, Scouten. Also du deckst hier den kompletten Bereich ab. Wo es dann später mal hingeht, vielleicht im Profibereich, das weiß ich noch nicht, aber auf jeden Fall hat man hier eine Superausbildung. Und wie gesagt, ich arbeite auch hier mit Leuten zusammen, die schon jahrelang so was machen. Ob es jetzt der Wolfgang Schellenberg ist, der Sepp Steinberger, also von denen kann man sich unheimlich viel abschauen, unheimlich viel auch an Erfahrung holen. Und das ist für mich eigentlich der ideale Einstieg, um als Trainer vielleicht mal später irgendwo zu arbeiten.

Also ich hatte viele Trainer. Angefangen vom Giovanni Trapattoni über den Werner Lorant über Armin Veh über Klaus Toppmöller, also es war schon eine ganze komplette Bandbreite dabei von wirklich harten Trainern, die mehr auf den Willen gesetzt haben, über Trainer, die unheimlich viel auf Taktik gesetzt haben wie der Giovanni Trapattoni, wo ich mit 27 selbst noch sehr viel gelernt habe. Also da war die komplette Bandbreite dabei. Und klar nimmt man sich von jedem Trainer ein bisschen was mit, wo man dann sagt, okay, das kann ich für mich später mal brauchen. Habe dann teilweise auch Trainings mitgeschrieben, also auch bei Leverkusen schon, beim Peter Hermann zum Beispiel. Also ich habe damals schon gewusst, okay, das kannst du vielleicht später mal irgendwann brauchen und das kommt mir natürlich heute zugute. Ich habe relativ viel Material, was ich verwenden kann. Und ich denke auch, dass die Jungs da froh sind drüber, weil also was mich als Spieler auch sehr gestört hat, waren eintönige Trainingseinheiten beziehungsweise, wenn ich Anfang der Woche gewusst habe, was jetzt die ganze Woche dann durchläuft. Und ich versuche einfach, möglichst viel Variabilität hereinzubringen ins Training und dass die Jungs einfach auch Spaß haben am Training.

Es ist viel akribischer geworden, also die ganze Ausbildung, angefangen vom Laktattest über Sprinttest, über auch die individuelle/ Wir haben ja ein Individualtraining, also die individuelle Entwicklung steht auch ganz vorne im Programm hier bei 60 München und also da hat sich schon sehr viel getan, obwohl ich damals ja, das darf ich gar nicht so laut sagen, beim FC Bayern München ausgebildet wurde. Aber wie gesagt, da hat sich unheimlich viel getan, auch mit der Zusammenarbeit mit den Schulen. Wir haben dieses LSK-Training zweimal in der Woche. Also das ist viel akribischer geworden. Und ich glaube, die Jungs, das hat man auch bei der WM gesehen, in den letzten 10 Jahren, wie viele Spieler jetzt rausgekommen sind, das ist, glaube ich, auch ein Verdienst der NLZ in ganz Deutschland. Und, ja, das ist einfach diese Arbeit, die in den letzten 10 Jahren angefangen wurde, die trägt jetzt Früchte.

Ich denke, dass man im Profitraining eigentlich viel voraussetzen kann. Das ist eigentlich das, was ein Trainer, da geht es wirklich um die Feinheiten, zu sagen, okay, im taktischen Bereich vielleicht noch hier und da an dem Rädchen ein bisschen drehen, an dem Rädchen, und hier muss man wirklich von der Grundlage trainieren, schauen, wirklich auf jede Kleinigkeit achten, ist das Passspiel sauber, ist der Flugball korrekt, stehst du richtig? Also man ist viel mehr am Korrigieren, muss auf viel mehr Kleinigkeiten, auf Details achten. Und das ist halt wirklich auch für den Trainer teilweise auch sehr anstrengend. Also ich habe schon gemerkt, ich bin nach den Trainings teilweise richtig kaputt, wahrscheinlich auch kaputter als die Spieler, aber es ist unheimlich anstrengend, weil du wirklich nur am Korrigieren bist, aber mir macht es unheimlich Spaß und ich muss sagen, momentan könnte ich mir nichts anderes vorstellen.

  • Daniel Bierofka

    Ex-Bundesligaprofi, Cheftrainer TSV 1860 II