Sportpsychologe Kuhn über seine Arbeit beim TSV 1860 München

Michael Kuhn, Sportpsychologe, ist für den Bereich des mentalen und psychologischen Trainings der Löwen zuständig.

Was sind die Aufgaben eines Sportpsychologen?
Wie nehmen die Spieler die psychologische Betreuung an?
Wie gehen die Spieler mit dem Leistungsdruck um?

Hier nochmal alles zum mitlesen:

Also mein Name ist Michael Kuhn. Ich bin Sportpsychologe und seit jetzt einem guten Jahr, ein bisschen länger, hier im Verein.

Also als Sportpsychologe bin ich natürlich zuständig für den ganzen Bereich des mentalen und psychologischen Trainings, sage ich mal. Also das heißt, letztendlich geht es darum, zum einen den Spielern eine Möglichkeit zu geben in dem Bereich der psychologischen Leistungsentwicklung und auch in der Persönlichkeitsentwicklung zu helfen, sie zu beraten, sie zu betreuen dabei. Das ist so die individuelle Ebene. Und die andere ist natürlich auch, die Mannschaften dabei zu unterstützen, wenn es darum geht, Teamentwicklung zu machen, Ziele zu definieren, zu gucken, wie geht man miteinander um in Gruppen? Das ist ja ein relativ weites Spektrum an Alter auch, das hier im Nachwuchsleistungszentrum ist. Und insofern ist das eine recht buntgefächerte Aufgabe mit dem Ziel, zum einen natürlich die persönliche Leistungsentwicklung zu fördern, aber auch die Persönlichkeit der Spieler mit weiter zu entwickeln und auch zu schauen, dass die so ein bisschen noch was an die Hand bekommen, um auch ihre, wie sagt man so schön, ihre Gesunderhaltung, das klingt jetzt so ein bisschen ungewöhnlich, aber auch zu gewährleisten. Weil einfach natürlich da auch viel Druck da ist, die Ansprüche sind sehr hoch. Das sind alles recht mutige Jungs, die sich da auf die Herausforderung einlassen, Leistungssport zu machen. Und das ist natürlich ein Bereich, in dem man immer auch mit Herausforderungen, wie gesagt, zu kämpfen hat, mit Niederlagen zu kämpfen hat. Und das ist ja auch was, was gelernt sein will, damit bestmöglich umzugehen.

Also das ist eine gute Frage, wie kann man Erfolge messen? Aber zuerst mal, wie wird das angenommen? Also es wird, wie ich finde, ganz gut angenommen. In der Regel ist es so, dass es immer zu Saisonbeginn, so wie ich das bis jetzt so beurteilen kann, ich habe es ja erst das zweite Mal mitgemacht, so eine kleine Anlaufphase gibt. Das ist meistens dann auch die Phase, in der ich erstmal mehr mit den Mannschaften auch mache. Oft ist ja auch erstmal so eine Vorstellung, was macht eigentlich der Sportpsychologe? Oder was ist da so der Themenbereich? Und dann wird es so, die letzten Wochen und Monate nimmt das dann schon rapide zu. Ist jetzt so, dass ich einen eingeschränkten Zeitrahmen habe. Der wird aber sehr gut und über die Maßen eigentlich angenommen von Spielern aus unterschiedlichsten Jahrgängen. Wobei natürlich die ganz Jungen eher weniger kommen, was aber auch ganz normal ist. Aber sozusagen je älter sie werden, umso spannender wird es natürlich auch für die.

Also was ich in der Regel versuche zu machen, ist, dass ich, wenn man dann erstmal sozusagen ausgearbeitet hat, was das Thema ist, worum es gehen soll, also den Bereich, der weiterentwickelt werden soll, dass man entweder mit einer Art Fragebogen, oder mit Selbsteinschätzung mal guckt, wo steht man denn gerade? Sich ein Ziel überlegt gemeinsam mit dem Spieler. Und dann nach einem definierten Zeitraum eben guckt, bin ich da besser geworden, habe ich was erreicht, gibt es einen Vergleich zu vorher? Also der Versuch ist schon immer da, zu schauen, dass in regelmäßigen Abständen ich mich dann auch wieder mit den Jungs, mit denen ich zusammenarbeite, zusammensetze, damit man eben genau auch überprüfen kann, ob das, was wir besprochen haben und das, was die sozusagen ausprobieren sollen und trainieren und üben sollen, ob das auch fruchtet. Weil natürlich es gibt kein, wie soll ich sagen, kein Patentrezept. Und es ist manchmal sehr individuell, da Lösungen zu finden, zum Beispiel im Umgang mit Druck oder im Umgang mit Fehlermanagement oder so was, so dass es einfach wichtig ist, da auch regelmäßig nachzufragen und zu schauen, ob das, was ausprobiert wird, auch fruchtet.

Also Motivation ist eigentlich gar nicht so ein großes Thema, wie man vielleicht oft denkt, wenn es um Psychologie geht, weil, ja, man kann sich auch vorstellen, dass die Jungs, die hier sind, ja auch nicht von der Straße runtergeholt werden und beschäftigt werden wollen, sondern die sind ja auch hier, weil sie was wollen in der Regel. Das heißt, die haben schon oft eine Grundmotivation. Und natürlich gibt es immer Phasen in so einer Karriere mit Verletzungen, mit Phasen, in denen man jetzt nicht spielt, sondern lang nur trainiert, weil man nicht in die Mannschaft kommt. Da gibt es natürlich auch mal Hänger und da stellen sich natürlich Fragen: “Warum mache ich das hier?” Und manchmal wird der Stress auch größer mit der Schule natürlich. Das ist ja auch so, die spielen ja nicht nur Fußball, sondern die gehen ja auch noch in die Schule und müssen verschiedene Sachen machen. Und klar gibt es dann auch immer mal so Fragen: “Wie kriege ich das hin, mich da wieder mehr zu pushen und zu motivieren?” Aber das ist gar nicht so ein häufiges Thema, finde ich.

Also ganz oft geht es einfach um Selbststeuerung. Also die Frage, wie kann ich mich am besten selbst regulieren im Umgang mit Stress und Druck und Fehlern? Wie bekomme ich es hin, dass ich für mich sozusagen das raus filtere an den Informationen, die ich bekomme, die mich weiterbringen? Es ist ja oft so im Kontakt auch mit Trainern und dem Umfeld und Eltern und Spielern kriegen die ja wahnsinnig viel Input. Und es ist ja gar nicht so leicht, sozusagen so rauszufinden, was ist denn das jetzt für mich Relevante, was mir auch was bringt, damit ich mich weiterentwickle? Weil ganz oft ist das ja gerade bei den Jugendlichen so, dass es auch schnell auf die persönliche Schiene oder als sehr persönlich wahrgenommen wird. Und das kann natürlich auf der Ebene dann auch bisschen einschränkend wirken. Insofern ist das auch immer ein spannendes Thema. Also das ist groß die Frage: Was kann ich tun, um konkret im Spiel, im Training mit Stress und Druck umzugehen? Wie gehe ich mit Fehlern um? Welche Verhaltensweisen, welche Möglichkeiten gedanklich kann ich da machen? Wie kann ich meine Emotionen steuern? Aber auch: Wie kann ich mich eigentlich gut erholen? Also wie kann ich so ein Erholungsmanagement, wie kriege ich gut das hin, zwischen den Phasen der Anspannung und der Belastung dann auch mich zu regenerieren? Das ist auch nicht ganz einfach. Kann man aber auch lernen und trainieren. Und das sind ja oft Dinge, die jetzt natürlich in dem Training, das die ja hier wahnsinnig viel haben, ausgerichtet Taktik, Technik, auch Mannschaftsentwicklung, natürlich nicht schwerpunktmäßig haben. Das können natürlich die Trainer auch so gar nicht leisten, ist ja auch klar.

Ja, also es gibt da verschiedene Bereiche. Es gibt zum einen eine Sprechstunde. Also das heißt, ich bin regelmäßig hier, das ist offen. In der Regel ist es so, dass Spieler mal zwischen Tür und Angel zu mir kommen und wir machen dann halt einen Termin aus, auch außerhalb der Sprechstunde, weil das oft nicht realisierbar ist aufgrund des recht eng gestrickten Zeitplans, den die Jungs haben. Ja, da machen wir einen Termin aus. Da gibt es eben Einzelgespräche. Das ist so, klingt immer so: “Einzelgespräche”, aber das ist sozusagen der Rahmen. Dann gibt es Teamsitzungen, zum Beispiel hier. Das ist so der Besprechungsraum. Da finden auch viele andere Besprechungen, Spielvorbereitung und -nachbereitung und Video-Besprechungen statt. Aber da mache ich zum Beispiel auch Sitzungen mit den Mannschaften, wo es um Teamfindung geht, wo es um ganz unterschiedliche Themen geht, wo es darum geht, um Spielregeln zu entwickeln. Was sind wir für ein Team, wie gehen wir miteinander um, wie lösen wir beispielsweise Konflikte? Wie schaffen wir es, das umzusetzen auf dem Platz, was wir uns auch vorgenommen haben, auf der Handlungsebene? Was sind wir eigentlich für ein Team? So Identitätsgeschichten. Was macht uns eigentlich als U16, U15 oder U17 aus? Oder, was ich auch manchmal mache, ist, dass ich dann Praxiseinheiten mache, öfter mit jüngeren Mannschaften, wo es meinetwegen darum geht, dass man in Spielformen mal guckt, was gibt es denn eigentlich für Möglichkeiten, auf dem Feld zu kommunizieren? Oder auch sozusagen zu veranschaulichen, wie kann ich denn Drucksituationen simulieren, wie reagiere ich denn drauf? Und was hat es denn für einen Effekt eigentlich auf mein Handeln? Also keine Ahnung, wenn ich unter Zeitdruck irgendwas lösen muss, stelle ich irgendwie fest, ich werde meinetwegen dann unsauber in den Aktionen, weil ich auch anfange, an die Konsequenzen zu denken und so weiter. Und das lässt sich halt oft ganz gut auch in Praxiseinheiten umsetzen, weil man es da dann auch ganz gut erfahrbar machen kann.

Gut, ich habe natürlich, sage ich mal, den Standpunkt, dass ich denke, dass dieser ganze psychologische Anteil an Leistung, in Anführungszeichen, oder überhaupt am Handeln einfach gegeben ist. Also wir haben alle irgendwie unsere Birne dabei und unseren Kopf dabei und unsere Emotionen dabei. Und egal, ob ihr eure Arbeit macht oder die in der Schule lernen oder irgendwie eine Ausbildung machen oder trainieren, ist das natürlich immer ein wesentlicher Faktor, der einfach dabei ist. Den kannst du nicht ausschalten, insofern, denke ich, ist es durchaus sinnvoll, das zu machen. Die Frage ist natürlich letztendlich immer, wie ist das realisierbar? Es ist natürlich immer eine Frage auch des Geldes, der Kapazitäten, der Zeit. Und ich glaube, das ist bisher oft der größte Hinderungsgrund, dass es nicht noch weiter verbreitet ist. Wobei meine Erfahrung schon so ist, ich habe ja da auch Erfahrungen in unterschiedlichsten Sportarten, dass es zunehmend immer mehr Verbreitung findet und auch so angesehen wird, dass es einfach Teil der Leistungsentwicklung ist oder ein Baustein, sagen wir mal, der Leistungsentwicklung ist.

Und insofern, klar, du musst Athletik trainieren, du musst Technik trainieren, du musst Taktik trainieren. Also trainieren musst du immer, wenn du gut werden willst. Und zwar richtig viel. Da hilft dir auch nicht irgendwie eine Mentaltrainingseinheit. Aber ich sage mal so, alles, was damit zusammenhängt, dass du auch dich weiterentwickelst und lernst, allein die Frage, wie gehe ich in ein Training rein, was will ich davon, kann ich das, was gefordert ist, auch zum Beispiel an technischen Geschichten, kann ich das umsetzen, wie kann ich das machen, allein da sozusagen brauche ich ja schon meinen Kopf dafür. Und sagen wir mal so, es gibt Leute, die haben einfach gute Lösungen gefunden im Laufe ihres Lebens dafür, mit ihren Emotionen, mit dem Stress und so umzugehen. Das ist super. Dann haben die gute Lösungsmuster, die aber auch nicht immer funktionieren und die dann auch manchmal weiter Unterstützung brauchen können. Und andere, denke ich, die können einfach gute Unterstützung brauchen, weil sie einfach, weil das auch ein Lernbereich ist. Also das macht auch in der Regel keinen Sinn zu sagen, okay, wir treffen uns jetzt einmal, besprechen was und dann sozusagen weißt du, was du zu tun hast. Nein, du musst es ausprobieren, du musst da Erfahrung sammeln und du musst dann eventuell anpassen und überlegen, welche Lösungen kannst du finden für die Herausforderungen. Also deswegen sage ich, es gehört auf alle Fälle beides dazu.

Klar gibt es Basissachen. Aber das ist natürlich jetzt so ein bisschen schwierig zu beantworten. Was ich eine ganz große Grundlage finde, wenn es darum geht, dass man sich weiterentwickelt, ist es erstmal, neugierig zu sein und offen zu sein und sich selber auch ein bisschen zu hinterfragen und zu beobachten so: Wie ticke ich denn eigentlich? Was passiert denn, wenn ich das und das mache? Oder warum auch zu analysieren, ah ich merke, in bestimmten Situationen komme ich unter Druck und dann, was passiert denn da eigentlich? Und dann fange ich an zu denken, was denke ich denn dabei eigentlich, wie gehe ich denn da mit mir um? Kann ich da was verändern? Also weil ich denke ganz oft, meine Erfahrung so, ich mache das jetzt auch schon ein paar Jahre, meine Erfahrung ist oft die, dass es immer wieder Athleten gibt, die nehmen das so als, ich sage jetzt mal übertrieben, gottgegeben an, dass eine bestimmte Situation so und so ist, und es gibt dafür keine Lösung. Also der klassische Satz: “Ey, ich habe schon beim Warmmachen gemerkt, heute ist nicht mein Tag.” Okay, ja. Das kann ich so annehmen. Dann kann ich aber auch meine Sachen eigentlich packen und wieder heimgehen, weil dann bringt es ja eh nichts. Oder ich kann mir überlegen, welche Lösung kann ich denn finden, wie kann ich denn herangehen, um das zu verändern? Und ich glaube sozusagen, das ist der erste und wichtigste Schritt, so diese Neugierde und Offenheit zu entwickeln und auch ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass zum Beispiel Fehler und Misserfolge dringend notwendig sind. Dass das ein ganz wichtiger Bestandteil davon ist, sich weiterzuentwickeln. Ganz viele lernen das natürlich auch schon in der Schule, Fehler machen ist nicht erlaubt, kriegt man sofort eine rote Markierung und eine schlechte Note. Aber du musst Fehler machen. Wenn du an Grenzen gehen willst und dich weiterentwickeln willst, dann musst du zwangsläufig auf Widerstände stoßen, um Lösungen dafür zu finden. Deswegen gehört das dazu. Viele Leute und gerade viele auch Jugendliche haben manchmal einfach bisschen Respekt davor, weil sie immer eben auch in so einer Bewertungssituation sind und halt oft die Erfahrung machen, dass sie dann eine auf den Deckel kriegen. Und das ist eigentlich schade, weil das, glaube ich, hindert enorm dran, sich weiterzuentwickeln. Also neugierig zu sein, auszuprobieren. Ich denke ich, hier sind viele eh schon mutig. Wie schon gesagt, sich drauf einzulassen, hier diese Bewertungssituation, dieser hohe Anspruch, das muss man sich auch trauen. Das ist cool, dass die das machen, absolut. Und manchmal ist es auch ganz gut, da ein bisschen Unterstützung zu haben.