1-gegen-1, Techniktraining und Koordination: Kaum ein Thema beschäftigt Trainer im Grundlagenbereich so sehr wie die Frage, wie sie ihre Spieler wirklich besser machen – nicht nur als Mannschaft, sondern als einzelne Fußballer. Genau hier setzt die neue 1x1SPORT Fußballtrainer Podcast-Folge mit Gilbert Diep an.
Gilbert ist kein Theoretiker, der nur aus Büchern zitiert. Er war Techniktrainer bei der SpVgg Unterhaching und bei 1860 München, hat in Fußballschulen gearbeitet und führt heute seine eigene Fußballschule, in der er täglich mit NLZ-Spielern und ambitionierten Nachwuchskickern arbeitet. Sein Fokus ist klar: Spieler technisch stark, 1-gegen-1-lösungsfähig und koordinativ sicher zu machen – und zwar so, dass sie das alles unter Spiel- und Gegnerdruck abrufen können.
Gleich zu Beginn der Folge stellt Gilbert eine provokante, aber sehr ehrliche Diagnose: Deutschland hat kein Talentproblem. In den Nachwuchsleistungszentren und Vereinen sieht er jede Woche Kinder mit außergewöhnlichen Anlagen: technisch talentiert, beweglich, mit gutem Spielverständnis. Trotzdem tauchen immer wieder ähnliche Defizite auf: Unsicherheit im 1-gegen-1, Probleme bei Richtungswechseln, Schwierigkeiten, unter Druck eine saubere Aktion zu finden. Für Gilbert liegt das weniger an den Spielern, sondern an der Art, wie wir trainieren. Zu früh verschiebt sich der Schwerpunkt auf gruppentaktische Abläufe, zu selten bekommt der einzelne Spieler die Wiederholungen, die er braucht, um im direkten Duell wirklich stark zu werden.
Besonders spannend für Trainer ist seine Sicht auf den Grundlagenbereich U9–U13. Gilbert beschreibt, wie sie zum Beispiel bei Unterhaching mit 16 Spielern und zwei Trainern gearbeitet haben: Statt eine große Gruppe dauerhaft durch Spielformen zu schicken, wurde häufig in zwei Achtergruppen geteilt. Eine Gruppe spielte intensive, kleine Spielformen, die andere trainierte parallel Passen, 1-gegen-1 oder Torschuss. Das Ergebnis: mehr Ballkontakte pro Spieler, mehr echte Drucksituationen, mehr ausgebildete Automatismen. Für ihn ist klar: In jedem Training sollte ein Baustein stecken, in dem der einzelne Spieler besser wird, nicht nur die Mannschaft als Kollektiv. Kleine Spielformen wie 3-gegen-3 oder 4-gegen-4 sind für ihn die perfekte Brücke: Die Spieler lernen Techniken, Finten und Richtungswechsel zunächst in einfacheren Situationen und setzen sie danach sofort im Spiel um.
1-gegen-1 als Schlüssel – frontal, seitlich, Rücken zum Tor
Ein Kernstück der Episode ist das 1-gegen-1 in all seinen Varianten. Gilbert unterscheidet sehr bewusst zwischen frontalem, seitlichem und Rücken zum Tor 1-gegen-1, also genau den Situationen, in denen Spieler später dauernd Entscheidungen treffen müssen.
Beim Spiel mit dem Rücken zum Tor beschreibt er anschaulich, was vor allem Stürmer, aber auch Flügel- oder Mittelfeldspieler im Zwischenlinienraum brauchen: eine gute Vororientierung, das Gefühl für den Gegner im Rücken und die Fähigkeit, sich clever „einzugraben“. Nicht immer ist es sinnvoll, „zum Ball zu gehen“, wie man es so oft hört. Manchmal ist es klüger, den Verteidiger aktiv zu suchen, den Körperkontakt aufzubauen, den Ball festzumachen und dadurch Druck auf das Tor nach und nach zu erhöhen. Je nach Entfernung zum Tor kann es sinnvoller sein, den Ball zu sichern und die Mannschaft nachrücken zu lassen, oder über eine Gegenbewegung in den Tiefenlauf zu gehen.
Im seitlichen 1-gegen-1 auf dem Flügel geht es für ihn darum, den Gegner zunächst mit Tempo zu binden, ihn aus dem Raum zu ziehen und dann über eine Gegenbewegung – etwa mit einem Chop, einer Zidane-Rolle oder einem scharfen Richtungswechsel – wieder in gefährliche Zonen zu gelangen. Man merkt schnell: Gilbert denkt in Spielfilm-Situationen, nicht in isolierten „Tricksequenzen“. Technik ist für ihn nie Selbstzweck, sondern immer Mittel, um sich auf dem Platz einen Vorteil zu verschaffen.
Besonders einprägsam ist sein Bild für das frontale 1-gegen-1: das SLS-Prinzip – schnell, langsam, schnell. Der Angreifer dribbelt zunächst mit Tempo an, baut Druck auf, drosselt dann kurz das Tempo, damit der Verteidiger gezwungen ist, sich zu entscheiden – und beschleunigt dann explosiv in die eigentliche Aktion. In diesem Moment gerät der Verteidiger in die Reaktion, und genau diesen Bruchpunkt will Gilbert provozieren. Im langen 1-gegen-1 setzt er auf wenige Ballkontakte, damit das Tempo hoch bleibt, im kurzen 1-gegen-1 dominieren Finten, Sprünge, Gewichtsverlagerungen und kleine Richtungswechsel. Seine klare Botschaft: Wer sein 1-gegen-1 gewinnt, schafft im nächsten Moment irgendwo auf dem Feld eine Überzahlsituation – und das gilt für Innenverteidiger, Sechser und Flügelspieler gleichermaßen.
Koordination mit Ball & „Werkzeugkasten“ an Finten
Spannend und für viele Trainer auch ein kleiner Perspektivwechsel ist seine Sicht auf Koordination. Statt zuerst an Koordinationsleitern und Trockenlaufübungen zu denken, setzt er auf Koordination mit Ball. Viele Standtricks und Finten, die auf den ersten Blick nur „nice to have“ wirken, sind in Wahrheit hochkomplexe Bewegungsaufgaben: einbeinige Sprünge, Drehungen, verschiedene Kontaktflächen am Ball, das Zusammenspiel von Oberkörper, Hüfte und Füßen. Gerade in der sensiblen Phase zwischen etwa sieben und vierzehn Jahren, so erklärt Gilbert, legt genau dieses Training das Fundament dafür, dass Spieler später natürliche, saubere Bewegungen im Dribbling und 1-gegen-1 zeigen können. Techniktraining ist für ihn immer auch Koordinationstraining – nur eben spielerisch und mit Ball, statt als trockenes Pflichtprogramm.
Ein weiterer wichtiger Gedanke ist sein Bild vom „Werkzeugkasten an Finten“. Ziel ist nicht, dass alle Kinder einen Trick perfekt aussehen lassen, wie im YouTube-Tutorial. Viel wichtiger ist, dass jeder Spieler verschiedene Optionen kennengelernt hat und pro Situation zwei bis drei Lösungen sicher beherrscht: eine für das frontale Duell, eine für das Spiel entlang der Linie, eine für das Rücken-zum-Tor-Szenario. Kinder sollen ausprobieren dürfen, was sich für sie gut anfühlt, und mit der Zeit ihre eigenen Lieblingstricks entwickeln. Gilbert warnt davor, Kreativität durch zu starre Vorgaben abzuwürgen. Man kann klare Coachingpunkte setzen, ohne daraus eine Schablone zu machen. Im besten Fall entsteht eine Mischung aus Struktur und Freiraum: Trainer geben Prinzipien vor, die Spieler füllen sie mit ihren eigenen Ideen.

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Training außerhalb des Vereins – und warum sich die Folge für Trainer lohnt
Besonders praxisnah – und für viele Trainer im Alltag Gold wert – ist der Teil, in dem es um Training außerhalb des Vereins geht. Viele Spieler kommen irgendwann mit der Frage: „Coach, was kann ich zusätzlich machen?“ Statt dann nur allgemein zu sagen „Trainier halt ein bisschen mit dem Ball“, zeigt Gilbert konkrete Wege auf: einfache, aber durchdachte Übungen, die Spieler alleine oder zu zweit auf dem Bolzplatz, im Garten oder auf einem kleinen Vereinsplatz durchführen können. Mit wenigen Hütchen, klaren Abläufen und vor allem einer hohen Wiederholungszahl können sie dort an Finten, Ballführung, Richtungswechseln und ihrem 1-gegen-1 arbeiten. Trainer bekommen damit Werkzeuge an die Hand, um ihren motivierten Spielern ganz konkrete „Hausaufgaben“ mitzugeben.
Am Ende ist diese Podcast-Folge eine klare Einladung an Trainer, den Fokus im Grundlagenbereich wieder stärker auf das zu legen, was Spieler später in jeder Spielsituation brauchen: Technik, Mut im 1-gegen-1, Koordination und Kreativität. Wer nach konkreten Anhaltspunkten sucht, wie sich das im Trainingsalltag von Bambini bis U13 umsetzen lässt, bekommt von Gilbert Diep nicht nur abstrakte Prinzipien, sondern viele Bilder, Beispiele und Formulierungen, die man direkt im nächsten Training nutzen kann.
Wer seine Spieler nicht nur beschäftigen, sondern sie wirklich individuell entwickeln will, findet in dieser Folge jede Menge Inspiration – und sehr wahrscheinlich auch die ein oder andere Idee, warum das eigene 1-gegen-1-Training bislang noch nicht da ist, wo es sein könnte.
🎧 Jetzt anhören und frische Impulse für dein Technik- und 1-gegen-1-Training mitnehmen.

