In diesem Beitrag nehme ich dich mit auf eine Reise durch Europa. Wir schauen uns an, wie der Jugendfußball in Verbände und Akademien im europäischen Ausland aussieht. Wir suchen nach Inspirationen und versuchen der Antwort auf die Frage „Wie funktioniert erfolgreiche Ausbildung?“ ein weiteres Stück näher zukommen.
Norwegen – ein innovatives Jugendsportmodell
Los geht unsere Reise in Norwegen. Das skandinavische Land ist nicht unbedingt als Fussballnation bekannt. Aber für ein Land mit 5,7 Millionen sind die Norweger ziemlich erfolgreich – im Fußball und auch in vielen anderen Sportarten.
Ich bin selbst hin und wieder in der Hauptsadt Oslo, weil mein Onkel vor 20 Jahren dorthin ausgewandert ist. Bei meinem letzten Besuch haben wir uns über den sportlichen Erfolg der Nation unterhalten. Er sagt das Erfolgsgeheimnis liegt an Norwegens Jugendsportmodell „Idrettsglede for alle“₂ - auf Deutsch: „Sportfreude für alle“
Die Idee hinter „Sportfreude für alle“
➔ Kernidee: Durch einen Schutz der Heranwachsenden, werde die Leistung im Laufe der Zeit nachhaltiger und ausgeprägter.
Wenn Kinder Sport frühzeitig mit Druck, Angst vor Fehlern oder äußerer Anerkennung verbinden, verschiebt sich ihre Motivation:
➔ Intrinsisch („Ich tue das gerne“) ➔ extrinsisch („Ich muss das tun“)
Deswegen setzt Norwegen auf:
- weniger Ergebnisdruck und öffentliche Bewertung
- spätere Spezialisierung auf eine Sportart
- Förderung von Vielseitigkeit und freiem Spielen
- Fokus auf Entwicklung statt auf kurzfristige Siege
Beispielsweise sollen Kinder bis einschließlich des 12. Lebensjahres ohne öffentliche Ranglisten und starken Erfolgszwang im Sport aufwachsen.
Dieser Entwicklungsweg mag zunächst langsamer erscheinen. Doch auf lange Sicht zahlt sich dieser Ansatz aus. Eine Meta-Studie₁, die Weltklasse- mit nationalen Spitzensportlern verglichen haben, ergab, dass die spätere Weltklassegruppe tendenziell folgende Eigenschaften aufweist:
- Probieren Sie frühzeitig mehr Sportarten aus
- Spezialisieren sich später
- In den ersten Jahren weniger Volumen im Hauptsport
- Die Entwicklung geht erstmal langsamer voran
Das norwegische Modell und die Studienlage stehen im Gegensatz zur Kritik von Rangnick, Watzke und Hamann an einer angeblich fehlenden Leistungskultur im Jugendfußball. Leistungslogiken aus dem Profibereich lassen sich nicht eins zu eins auf die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen übertragen.
Take-away aus Norwegen:
- Schaffe ein Umfeld, in dem Kinder Fehler machen dürfen, ohne Angst vor Bewertung oder Auswechslung zu haben.
- Reflexionsfrage: „Bilde ich Spieler aus, die auch in fünf oder zehn Jahren noch gerne Fußball spielen?“
Niederlande – Akademien von PSV und Ajax
Wir überqueren die Nordsee und machen Stopp in der Niederlande. Hier werfen wir ein Blick auf die Akademien der beiden größten Vereine im Land – PSV Eindhoven und Ajax Amsterdam. Beide Vereine zeigten sich mutig, indem Sie in der Ausbildung von Jugendspielern innovative Wege einschlugen.
Ajax: Der „Olympia Future Cup“
Eine sehr inspirierende Idee ist beispielsweiße das Regelwerk des „Olympia Future Cup“, welcher von Ajax Amsterdam organisiert wird. Das U17-Turnier fand bereits 14-mal statt und besteht jedes Jahr aus einem internationalen Teilnehmerfeld. Die Regeln sind so gestaltet, dass effektiv viel Fußball gespielt wird und es zu fairen, attraktiven Spielen kommt₃:
➔ Netto-Spielzeit:
Sobald das Spiel unterbrochen ist, wird auch die Uhr angehalten. Dies verhindert Zeitverlust und beugt einem Zeitspiel vor. Die Spielzeit beträgt 2 x 20 Minuten.
➔ Selbstpass:
Bei einem Freistoß muss ein Spieler den Ball nicht zu einem anderen Spieler passen, um das Spiel fortzusetzen. Der Spieler muss den Ball einfach hinlegen und darf ihn selbst dribbeln.
➔ Einwurf/Dribbling:
Der traditionelle Einwurf wird durch den Einwurf oder das Dribbling ersetzt. Sobald der Ball die Seitenlinie überquert, wird er nicht mehr eingeworfen. Die Spieler dürfen den Ball zu einem Mitspieler kicken oder selbst dribbeln. Dribbling ist auch bei Ecken erlaubt.
➔ Unbegrenzte Auswechslungen:
Während eines Spielerwechsels muss der Schiedsrichter das Spiel nicht mehr unterbrechen. Der Wechsel findet an der Mittellinie in der Nähe der Auswechselbank statt. Das Spiel läuft jedoch weiter.
➔ VAR:
Der Video-Schiedsrichterassistent (VAR) kommt seit der zwölften Auflage des Future Cup zum Einsatz.
Ajax und PSV: Zur Talentförderung verpflichtet
Beim Olympia Future Cup liefen in der Vergangenheit Spieler wie Matthijs de Ligt, Ryan Gravenberch, Davy Klaassen, Andre Onana und Jurriën Timber für Ajax auf. Heute sind sie etablierte Profis im europäischen Spitzenfußball. Aber es gab einen Zeitpunkt, da waren sie noch verhältnismäßig unbekannt, bis Ajax ihnen die Chance gab, sich auf einer größeren Bühne zu beweisen – nicht nur, weil Ajax es vermutlich auch wollte, sondern, weil sie sich dazu mit 2 Regeln verpflichtet, haben:
- Jede Saison müssen 8 Spieler aus der U19 ihr Debüt in der zweiten Mannschaft geben.
- Jede Saison muss einer dieser 8 Spieler sein Debüt bei den Profis geben.
Der Übergang in den Profibereich scheitert oft nicht am Talent, sondern an fehlenden Chancen, mangelnder Sichtbarkeit oder fehlender Integration zwischen Jugend- und Profibereich. Ohne solche klaren Entwicklungswege wäre offen, ob all die genannten Spieler überhaupt den Sprung auf die große Bühne geschafft hätten.
PSV Eindhoven geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie verpflichten sich nicht nur dazu, Spielern eine Chance in der 1. Mannschaft zu geben. Nein, mit ihrer selbst auferlegten Regel verpflichten sie sich indirekt auch zu einer festen Integration der Spieler aus dem Nachwuchs.
➔ Leiter des PSV-Akademie Aloys Wijnker:
„Aktuell müssen 30 Prozent des Kaders (1. Mannschaft) aus Eigengewächsen bestehen.“₄ (Stand: 2025)
PSV: Bis zur U16 Fokus auf IDP´s
➔ IDP = Individual Development Plan = individueller Entwicklungsplan
In viele meiner Beiträge und Inhalte lass ich einen meiner wichtigsten Grundsätze für die Arbeit im Jugendfußball einfließen – „Wir bilden Spieler und keine Teams aus!“. PSV liebt diesen Grundsatz mit einer sehr starken Konsequenz.
Bei PSV Eindhoven hat jeder Akademiespieler einen individuellen Plan, wie seine Entwicklung gestaltet wird. Und bis zur U16 liegt der Fokus weitestgehend auf diesen IDP´s. Mannschaftstaktische Pläne und Spielphilosophie spielen bis dahin dagegen eine sehr untergeordnete Rolle.
Take-aways aus Niederlanden:
- Sorge im Training und bei Turnieren für möglichst viel effektive Spielzeit und viele Ballaktionen pro Spieler.
- Entwickle mit jedem Spieler 1–2 individuelle Entwicklungsziele statt nur Mannschaftsziele.
Gleich gehts weiter...
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Frankreich – Topspieler im Überfluss
Von den Niederlanden geht es weiter Richtung Süden nach Frankreich. Die Franzosen besitzen aktuell einen Pool an Topspielern, wie keine andere Nation. Irgendwas muss das Land in der Entwicklung von Spielern wohl richtig machen.
Aber was?
Dieser Frage ist der ehemalige Bundesligatrainer Alexander Nouri mit der „International Football Concepts GmbH“ nachgegangen. Laut Nouri sind das die drei „Erfolgsgeheimnisse“ der französischen Nachwuchsarbeit im Fußball₆:
- „Zentralisierung des Systems: Frankreich hat ein effizientes, zentralisiertes System, das schnelle Entscheidungsfindung und eine zentrale Steuerung durch den Verband ermöglicht. Im Gegensatz dazu bremst das föderale System des DFB oft Innovationen aus und verlangsamt den Fortschritt.“
- „Unterstützung für den Amateurfußball: In Frankreich erhält der Amateurfußball erheblich mehr Unterstützung, was die Kluft zwischen den Leistungszentren und dem Amateurfußball verkleinert. Die 15 landesweiten Stützpunkte und der Hilfsfond für den Amateurfußball sind beeindruckende Beispiele dafür.“
- „Karrierepfade im Übergangsbereich: Die Gestaltung des Übergangsbereichs und die Vielfalt der Karrierepfade sind in der erfolgreichen Ausbildung entscheidend. In Frankreich haben die meisten Clubs 2. Mannschaften in der 4. oder 5. Liga, in denen die eigenen Akademiespieler frühzeitig viel Spielzeit im Seniorenfußball sammeln können.“
Take-away aus Frankreich:
- Stärke die Zusammenarbeit zwischen Jugend- und Herrenbereich im Verein, damit Übergänge erleichtert werden.
- Nutze dein Trainerteam, Trainerkollegen und Vereinsumfeld aktiv für Austausch und gemeinsame Entwicklungspläne.
England – und der Vergleich zu Deutschland
Für unsere nächsten Reisehalt überqueren wir mal den Ärmelkanal. Es geht nach England. In einem meiner letzten Beiträge habe ich mich mit den Reformen und Konzepten des englischen Fußballverbands auseinandergesetzt und den Vergleich zu Deutschland gezogen:
- Was ist die „England-DNA“?
- Was ist die Premier League 2? Worin liegen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu unserer neuen U21-Liga in Deutschland?
- Wie wird der Kinderfußball in England gestaltet?
- Was schätzt Jamal Musiala am englischen Jugendfußball?
Diese Fragen beantworte ich in dem Beitrag „Spielerentwicklung in England – und der Vergleich mit Deutschland“.
Keine festen Cheftrainer
In diesem Beitrag schauen wir uns auf der „Insel“ noch ein spannendes Konzept₇ der Akademie des AFC Sunderland an. Im Altersbereich von der U15 bis zur U18 arbeitet der Verein künftig nicht mehr mit klassischen Cheftrainern pro Mannschaft, sondern mit einem gemeinsamen Trainerteam für mehrere Jahrgänge.
Auslöser für die Umstrukturierung war der Wechsel des bisherigen U18-Trainers Adam Asghar zur U21 von Southampton. Statt die Position eins zu eins neu zu besetzen, entschied sich die „Academy of Light“ bewusst für ein anderes Modell. Zwei Trainer aus dem bisherigen U13–U16-Bereich übernehmen nun gemeinsam die Verantwortung für alle Teams zwischen U15 und U18 und werden dabei von weiteren Assistenztrainern unterstützt.
Die Idee dahinter: Weniger Denken in festen Mannschaften, mehr Fokus auf die langfristige Entwicklung der einzelnen Spieler. Nicht mehr „mein Team“, sondern ein gemeinsamer Entwicklungsprozess über mehrere Jahrgänge hinweg.
Take-away aus England:
- Denke weniger in „meiner Mannschaft“ und stärker in langfristiger Spielerentwicklung über mehrere Jahrgänge hinweg.
- Tausche dich regelmäßig mit anderen Jugendtrainern im Verein über Spieler und deren Entwicklung aus, damit Spieler einheitlicher begleitet werden ➔ mehr Perspektiven ergeben ein präziseres Bild auf die Spielerentwicklung
Spanien – Athletic Bilbao
Entwicklungs- statt Ergebnisorientiert
Vor einiger Zeit habe ich ein Buch der spanischen Sportpsychologin Maria Ruiz de Ona gelesen, welche über 20 Jahre für Athletic Bilbao gearbeitet hat. Diese Lektüre hat meine Faszination für den baskischen Verein geweckt. In dem Buch geht es um die Gestaltung von Lernbedingungen im Jugendfußball. In der nachfolgenden Tabelle₈ ist eine Gegenüberstellung von 2 Formen des Coachings zu sehen – das erste ist Ergebnisorientiert. Zweitere richtet den Fokus auf die Spielerentwicklung und wurde in der Akademie von Bilbao konsequent angestrebt:
Coaching-Situation | Ergebnisorientiert | Entwicklungsorientiert |
|---|---|---|
Spielvorbereitung |
|
|
Training |
|
|
Spiel |
|
|
Autor: Luis Österlein
Quellen
1: https://www.idrettsforbundet.no/om-nif/horinger/spillemiddelsoknaden-2024/visjon-og-mal/
2: Psychological Science in the Public Interest – What Makes a Champion?
Mosher, A., Fraser-Thomas, J., & Baker, J. (2022). What Makes a Champion? Early Multidisciplinary Practice, Not Early Specialization, Predicts World-Class Performance. Psychological Science in the Public Interest, 23(1), 6–29.
3: https://english.ajax.nl/articles/future-cup-2024-new-playing-rules/
4: https://www.vi.nl/nieuws/1676571/het-percentage-zelf-opgeleide-spelers-moet-omhoog-bij-psv
5: https://www.linkedin.com/posts/sabahudin-mislimi_wenn-die-spieler-individuelle-preise-gewinnen-activity-7158016096984293377-vKhT/
6: https://www.linkedin.com/posts/alexander-nouri-850985110_erfolgsrezepte-aus-der-franz%C3%B6sischen-nachwuchsarbeit-activity-7108023586501574658-ZqgW/
7: https://www.linkedin.com/posts/sabahudin-mislimi_die-u15-bis-u18-beim-afc-sunderland-haben-activity-7123653659665555456-ZYAm/
8: Ruiz de Oña, M., & O’Neill, J. (2021). The Gaze Through Psychology: Learn How to Create Learning Environments for Your Football Teams (S. 69). Librofutbol.com Editorial. ISBN: 978-987-8370-44-6.
9: Segbers, Dirk: Athletic Club Bilbao – Aus Prinzip einzigartig. Bielefeld: Verlag die Werkstatt, 1. Auflage 2022. ISBN 978-3-7307-0630-5
10: https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7083023506782740482/
11: https://inside.fifa.com/talent-development/media-releases/fifa-global-report-give-every-talent-a-chance/

