Kinder verhalten sich nicht gegen uns

Warum gute Kommunikation im Kinderfußball mit dem Verstehen beginnt

Ich begleite Kinder seit vielen Jahren auf dem Fußballplatz. In dieser Zeit habe ich unzählige Trainingseinheiten erlebt. Solche, in denen scheinbar alles wie von selbst funktioniert hat, und andere, in denen jede Erklärung zur Herausforderung wurde. Kinder redeten durcheinander, riefen dazwischen oder konnten sich kaum auf die nächste Übung konzentrieren.

Auf dem Platz sind wir ein Team.

Früher habe ich mich in solchen Momenten oft gefragt: 

„Wie bekomme ich jetzt wieder Ruhe in die Gruppe?“

Heute weiß ich, dass dies nicht die entscheidende Frage ist.

Viel wichtiger ist: 

„Was braucht das Kind in diesem Moment?“

Diese Frage hat meine Arbeit als Trainerin grundlegend verändert. Denn ich habe erkannt: Kinder verhalten sich nicht gegen uns. Sie handeln so, wie es ihnen in diesem Moment aufgrund ihrer Entwicklung möglich ist. Genau darin liegt für mich der Schlüssel gelingender Kommunikation im Kinderfußball.

Gute Kommunikation beginnt mit dem Verstehen

Kinder kommen nicht mit dem Ziel ins Training, ihre Trainerin oder ihren Trainer herauszufordern. Sie möchten spielen, sich bewegen, Neues entdecken und Teil einer Gemeinschaft sein. Gleichzeitig befinden sie sich mitten in ihrer Entwicklung. Sie lernen erst, ihre Aufmerksamkeit zu steuern, Impulse zu kontrollieren, Gefühle zu regulieren und Verantwortung zu übernehmen.

Trotzdem bewerten wir ihr Verhalten häufig aus der Perspektive eines Erwachsenen. Ein Kind hört während der Erklärung nicht zu. Ein anderes ruft ungefragt dazwischen. Ein drittes hält sich nicht an eine Absprache. Schnell entstehen Gedanken wie: „Er hört einfach nie zu.“ oder „Sie macht immer ihr eigenes Ding.“ Doch was passiert, wenn wir Verhalten nicht zuerst bewerten, sondern verstehen wollen? Dann verändert sich nicht nur unsere Kommunikation. Dann verändert sich unsere gesamte Haltung.

Orientierung statt Lautstärke

Eine Situation begegnet uns wahrscheinlich allen regelmäßig. Die nächste Übung soll erklärt werden. Einige Kinder hören aufmerksam zu. Andere beschäftigen sich noch mit dem Ball oder sprechen mit ihrem Nachbarn. Viele Trainerinnen und Trainer reagieren darauf intuitiv, indem sie lauter sprechen. Doch Lautstärke schafft selten Aufmerksamkeit. Häufig fehlt den Kindern gar nicht die Bereitschaft zuzuhören. Ihnen fehlt vielmehr ein klarer Übergang zwischen Bewegung und Aufmerksamkeit.

Sport verbindet

Ein einfacher Satz kann genau diesen Übergang schaffen:

„Wenn alle Kinder leise sind, dann erkläre ich die Aufgabe.“

Dieser Satz enthält keinen Vorwurf. Keine Drohung. Keine Bewertung. Er beschreibt lediglich die Voraussetzung dafür, dass es weitergeht. Genauso wichtig wie der Satz selbst ist jedoch das Verhalten des Trainers. Wer diesen Satz sagt und anschließend trotzdem weiter redet, nimmt ihm seine Wirkung. Wer dagegen ruhig wartet, bis alle Kinder bereit sind, vermittelt Klarheit und Verlässlichkeit.

Kinder erleben, dass Worte und Handlungen zusammenpassen. Genau dadurch entsteht Orientierung. Nicht durch Lautstärke. Sondern durch Ruhe, Klarheit und Konsequenz.

Zwischenrufe sind nicht automatisch störend

Kaum beginnt die Erklärung, ruft ein Kind dazwischen. Viele Erwachsene empfinden das zunächst als störend. Doch lohnt es sich, einen Moment innezuhalten.

Warum ruft das Kind gerade jetzt?

Vielleicht ist es begeistert und möchte seine Idee sofort erzählen. Vielleicht hat es Angst, seine Frage gleich wieder zu vergessen. Vielleicht möchte es einfach wahrgenommen werden. Nicht jeder Zwischenruf ist eine bewusste Grenzüberschreitung.

Oft zeigt er lediglich, dass ein Kind seine Impulse noch nicht vollständig steuern kann. Wer das versteht, reagiert anders. Nicht mit Ärger. Sondern mit Orientierung.

Ein kurzer Blickkontakt und ein ruhiger Satz wie: „Ich sehe dich. Du bist gleich dran.“ reichen häufig aus. Das Kind fühlt sich wahrgenommen. Die Erklärung kann trotzdem ruhig fortgesetzt werden. Ebenso wichtig ist es, das Verhalten sichtbar zu machen, das der gesamten Gruppe hilft.

Ein ehrliches: „Danke, dass du gewartet hast.“

Oder „Schön, dass du dich gemeldet hast.“

zeigt Kindern, welches Verhalten Orientierung für die Gruppe schafft. Kinder lernen nicht nur durch Korrekturen. Sie lernen vor allem durch die Erfahrungen, die sie immer wieder machen.

Wenn Organisation zur Persönlichkeitsentwicklung wird

Eine Situation wird im Trainingsalltag häufig unterschätzt: die Gruppeneinteilung.

Für viele Trainerinnen und Trainer gehört sie einfach dazu. Die Kinder sollen möglichst schnell in Gruppen eingeteilt werden, damit die Übung beginnen kann. Doch genau hier steckt großes pädagogisches Potenzial. Immer wieder nutze ich die Gruppeneinteilung bewusst als pädagogischen Moment. Statt die Gruppen selbst einzuteilen, überlasse ich diese Aufgabe den Kindern – allerdings nicht ohne Orientierung.

Bevor sich die Kinder aufteilen, beschreibe ich den Rahmen:

„Jedes Kind entscheidet selbst, zu welcher Gruppe es geht. Niemand beeinflusst ein anderes Kind, weder mit Worten noch mit Gesten oder Blicken. Jeder schaut auf sich.“

Ich beobachte aufmerksam und begleite den Prozess, ohne ihn zu übernehmen. Ein kurzer Hinweis genügt häufig: „Wenn an jedem Kegel fünf Kinder stehen, dann starten wir.“

Plötzlich passiert etwas Spannendes. Die Kinder beginnen nachzuzählen. Sie wechseln eigenständig die Gruppe. Ich nehme ihnen diese Aufgabe nicht ab. Ich schaffe lediglich den Rahmen, in dem sie selbst Verantwortung übernehmen können. Genau darin liegt der eigentliche pädagogische Wert.

Da die Kinder ihre Gruppen selbst gewählt haben, erleben sie Selbstwirksamkeit. Sie erfahren, dass ihre eigene Entscheidung zählt, und dass Eigenverantwortung auch bedeutet, die Konsequenzen dieser Entscheidung mitzutragen.

Bevor das Spiel beginnt, stelle ich den Kindern noch eine letzte Frage:

„Sind alle mit ihrer Gruppe einverstanden?“

Wenn alle Kinder zustimmen, dann startet die Übung. Kinder erleben dadurch, dass ihre Meinung zählt. Sie erleben, dass Entscheidungen gemeinsam getragen werden. Und sie erfahren, dass Verantwortung nicht bedeutet, alles richtig zu machen, sondern Verantwortung für die eigene Entscheidung zu übernehmen.

Kommunikation beginnt lange vor den richtigen Worten

Viele Trainerinnen und Trainer suchen nach dem einen Satz, der schwierige Situationen löst. Doch gute Kommunikation beginnt nicht mit den richtigen Worten. Sie beginnt mit unserer Haltung. Sie beginnt mit der Bereitschaft, Verhalten verstehen zu wollen.

Sie beginnt mit der Frage: „Was braucht das Kind gerade?“

Aus dieser Haltung entstehen Klarheit, Orientierung und Vertrauen. Kinder brauchen keine perfekten Trainerinnen und Trainer. Sie brauchen Erwachsene, die ruhig bleiben, wenn Entwicklung Zeit braucht. Erwachsene, die Orientierung geben, statt Druck aufzubauen. Erwachsene, die Kinder ernst nehmen und ihnen Schritt für Schritt zutrauen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Denn genau dort beginnt nachhaltige Entwicklung. Nicht nur auf dem Fußballplatz. Sondern überall dort, wo Kinder erleben, dass sie gesehen, verstanden und ernst genommen werden.

Fazit

Technik, Taktik und Spielformen sind wichtige Bestandteile eines guten Trainings. Doch genauso wichtig ist die Art und Weise, wie wir Kinder durch diese Trainingseinheit begleiten. Kommunikation entscheidet nicht nur darüber, ob eine Übung gelingt. Sie entscheidet mit darüber, ob Kinder Selbstvertrauen entwickeln, Verantwortung übernehmen und Freude am gemeinsamen Lernen erleben. Wer Kinder nicht zuerst bewertet, sondern verstehen möchte, schafft die Grundlage für genau diese Entwicklung. Denn Kinder verhalten sich nicht gegen uns. Sie handeln so, wie es ihnen in diesem Moment aufgrund ihrer Entwicklung möglich ist. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis für alle, die Kinder im Sport begleiten.

Autorin Stephanie Müller

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Die in diesem Artikel beschriebenen Gedanken und Praxisbeispiele stammen aus dem Buch „Klare Worte, starke Teams – Kommunikation im Kinder- und Jugendsport“ von Stephanie Müller. Anhand zahlreicher Alltagssituationen aus dem Trainingsbetrieb zeigt die Autorin, wie Trainerinnen und Trainer mit klarer, wertschätzender Kommunikation Orientierung geben, Kinder in ihrer Entwicklung begleiten und den Trainingsalltag nachhaltig positiv gestalten können. Das Buch richtet sich an Trainerinnen und Trainer aller Sportarten, Sportlehrkräfte sowie alle, die Kinder auf ihrem Weg stärken und begleiten möchten.

Autorin: Stephanie Müller

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