Denkanstoß: Coaching im Jugendfußball

Während meiner Zeit als Jugendspieler war der Trainer die klare Autorität. Er stand vor uns und gab Ansprachen, wir hörten zu. Er gab uns Anweisungen, wir setzen sie um. Er korrigierte unsere Technik und Entscheidungen. Wir versuchten es besser zu machen. Er bewertete unsere Leistung. Wir orientierten uns an seiner Einordnung.

Mittlerweile bin ich 33 Jahre und selbst Jugendtrainer. Und eines ist mir durch meinen Rollentausch deutlich geworden: Das Coaching von damals funktioniert heute nicht mehr.

Nicht, weil wir Trainer zu „weich“ geworden sind. Nicht wegen der „Jugend von heute“.

Der Grund ist ein anderer:

  • Die Lebensrealität und Umwelt der Heranwachsenden hat sich grundlegend verändert.

Wir werden übertroffen

Die heutigen Jugendspieler wachsen mit TikTok, Youtube und Instagram auf. Das darf durchaus kritisch betrachtet werden. Aber diesen Umstand können wir als Jugendtrainer nur sehr bedingt verändern. Wir müssen lernen, damit zu arbeiten.

Deine Spieler sehen, wie Skills innerhalb von wenigen Sekunden entschlüsselt werden. Sie schauen sich Mindset-Clips von Spitzensportlern an. Sie lernen das „Leben“ der Profis kennen. Sie folgen Influencern, die ihre Sprache sprechen – so gut, wie wir es als Trainer wohl niemals können werden.

Was bedeutet das für uns als Jugendtrainer? Wir werden als Ausbilder übertroffen. Nicht unbedingt im Wissen. Aber im Einfluss auf die Spieler.

Eine neue Form des Coachings

Die Menge an Informationen, die Jugendliche an Tagen überflutet, haben wir früher wohl in einem Jahr erhalten.  Sie sind mit so vielen Stimmen konfrontiert, die ihnen sagen, was sie tun sollen.

Daher brauchen Jugendliche oftmals nicht noch mehr Wissen und Anweisungen. Viel wichtiger ist, dass die Heranwachsenden lernen zu verstehen, einzuordnen, zu verbinden und zu hinterfragen. Es braucht eine neue Form des Coachings, welche sich an den Herausforderungen der Jugendlichen orientiert:

  • Vom Monolog zum Dialog
  • Vom Wissen zum Verstehen
  • Von der Korrektur zum Hinterfragen
  • Von der Kontrolle zur Unterstützung

Diese Form des Coachings benötigt der Spieler nicht nur für die Herausforderungen im Leben, sondern auch für das Spiel, welches so komplex und dynamisch ist und so viele Dimensionen besitzt. Wir können es als Trainer nur bedingt von außen kontrollieren und wir können keine allgemeingültigen Lösungen für die Einzigartigkeit jeder Spielsituation bieten. Aber wir können dem Spieler helfen das Spiel bestmöglich zu verstehen und eigenständig Lösungen zu finden.

Wie gut verstehst du deine Spieler?

Wirklich erfolgreiche Influencer haben keinen Erfolg, weil sie besonders laut sind. Sie verstehen ihr Publikum. Das lässt sich auch auf deine Rolle als Trainer übertragen. Wenn du ein guter Trainer sein willst, solltest du dir folgende Frage stellen: Verstehst du deine Spieler wirklich?

  • Wie erleben Sie das Spiel?
  • Welche Perspektive hat dein Spieler auf die Situation?
  • Was denkt dein Spieler über seine Entwicklung?
  • Was denkt er, was er besser machen könnte?

Wirksames Coaching beginnt nicht beim Reden, sondern beim Zuhören, Zusehen und beim Verstehen. Nur wenn du verstehst, was in deinen Spieler fortgeht, was sie denken, kannst du sie auch zielgerichtet fördern.

  • DEREN Fragen beantworten, DEREN Bedürfnisse bedienen

Coaching mit Tiefe

In einer Welt voller schneller und einfacher Lösungen, fehlt oft die Tiefe. Genau das sollte als Trainer dein entscheidender Mehrwert als Trainer für deine Spieler sein. Mit Ratschlägen um sich werfen ist keine wirkliche Kunst. Die wirkliche Herausforderung ist es, den Spielern nicht nur Informationen, sondern Verständnis zu geben:

  • Warum funktioniert diese Lösung?
  • Wie kann ich die Lösung an veränderte Bedingungen anpassen?
  • Wann greife ich auf die Lösung zurück?

Somit entwickelst du keine umsetzenden Roboter, sondern echtes Spielverständnis. Deine Spieler bleiben handlungsfähig und werden nicht unsicher, wenn sich Situationen verändern. Sie sind in der Lage, ihr Verhalten anzupassen, eigenständig Entscheidungen zu treffen und neue Lösungswege zu entwickeln.

Authentizität und Autorität

Mein Eindruck ist, dass Jugendliche Unechtheit sofort durchschauen. Sie wachsen mit einem direkten, lockeren und ehrlichen Miteinander auf.

Klassische Autorität über Distanz verliert dadurch an Wirkung, während Glaubwürdigkeit immer wichtiger wird. Entscheidend ist also nicht, mit welcher Strenge du auftrittst, sondern, ob dein Verhalten nachvollziehbar ist und mit deinen inneren Werten übereinstimmt.

  • Wie echt bist du in deinem Auftreten als Trainer?

Das bedeutet nicht, dass du deine Standards für die Disziplin oder das Verantwortungsbewusstsein runter schrauben musst. Nur die Art der Kommunikation muss angepasst werden: 

  • Mach deine Entscheidungen nachvollziehbar
  • Lass deine Spieler an deinen Gedanken teilhaben
  • Sei ehrlich und realistisch mit deinen Einschätzungen
  • Sei emphatisch aber bleib deiner Linie treu

Durch die Authentizität gewinnst du das Vertrauen deiner Spieler. Und mit dem Vertrauen, gewinnst du Einfluss.

Authentizität ➔ Vertrauen ➔ Einfluss

Vorbild durch Kontinuität

Im Verlauf des Beitrags habe ich immer wieder den Bezug zum digitalen Einfluss auf Jugendliche hergestellt. Ein entscheidender Mehrwert, den du als Trainer – neben der Beziehungsarbeit – bieten kannst, fehlt auf sozialen Netzwerken komplett: Kontinuität.

Die digitale Welt zieht einen in ganz verschiedene Richtungen. Deswegen bietet Beständigkeit als Trainer einen enormen Mehrwert für deine Spieler. Lebe deine Werte in der täglichen Arbeit als Trainer – Disziplin, Respekt, Ehrlichkeit, Geduld,… 

  • Du bietest deinen Spielern Stabilität in einer Welt voller, ständiger Veränderungen

Autor: Luis Österlein

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