Die UEFA Champions League verzerrt meine Wahrnehmung. Topteams lösen selbst extremes Mann-gegen-Mann-Pressing spielerisch. Es wirkt, als wäre Druck ein Fremdwort für viele Spieler.
In den meisten anderen Wettbewerben sieht die Realität anders aus. Steigt der Druck, kommt der lange Ball. Immer wieder. Andere Teams versuchen erst gar nicht, das Spiel flach von hinten aufzubauen. Es wird direkt ein Flugball in die Tiefe gespielt.
Trotzdem wird genau dieses Szenario im Training des Defensivspiels oft vernachlässigt. Das wollen wir mit diesem Beitrag ändern. Wir befassen uns mit dem Verteidigen von langen Bällen:
- Zuerst unterscheiden wir Arten und Intentionen beim Spiel mit langen Bällen
- Anschließend schauen wir uns an, wie wir die langen Bälle verteidigen
1. Vorüberlegungen
1.1 Die Charakteristika des langen Balles
Ein langer Ball kann mehrere Verteidiger überspielen und großen Raumgewinn erzeugen.
Gleichzeitig hat er klare Nachteile:
- Er ist länger unterwegs und meist ein Flugball. Dadurch wird die Ballkontrolle und Weiterverarbeitung schwieriger. Zudem hat der Gegner mehr Zeit zu reagieren.
- Die Ausholbewegung ist größer als bei kurzen, flachen Pässen. Der lange Ball ist daher früher antizipierbar. Außerdem ist der technische Anspruch höher, besonders bei zielgerichteten Zuspielen.
1.2 Die Intentionen von langen Bällen
Lange Bälle verfolgen meist eine dieser drei Intentionen:
- Nutzung des Raums hinter der Abwehr

- Anspiel eines Zielspielers zur Verlängerung in die Tiefe

- Anspiel eines Zielspielers zur Ablage auf einen Mitspieler

Tritt keine dieser Intentionen ein, kann die Situation nach einem langen Ball trotzdem gefährlich sein. Misslingt das Zuspiel bzw. die Ablage oder gewinnt ein Verteidiger das Kopfballduell, entstehen oft offene bis chaotische Spielsituationen.
Solche Momente bieten gute Voraussetzungen für ein Gegenpressing und oftmals auch plötzliche Chancen für größere Raumgewinne. Deshalb ist das Verteidigen des zweiten Balls oder die anschließende Anschlussaktion genauso wichtig wie das Verteidigen des langen Balls selbst.
Nichtsdestotrotz bietet es Vorteile, die Umsetzung der genannten Intentionen für den Gegner zu erschweren. Dabei spielt es eine große Rolle, ob der lange Ball unter Druck erzwungen wurde oder bewusst gespielt ist.
1.3 Erzwungen und selbstbestimmt
Ein erzwungener langer Ball bringt dem verteidigenden Team mehrere Vorteile. Der Pass entsteht unter Druck. Dadurch wird die Wahrnehmung der Tiefe erschwert und der technische Anspruch steigt. Durch das Druckausüben kann beispielsweise eine ungünstige Stellung zum Ball oder ein Flugball mit dem schwächeren Fuß erzwungen werden. Zudem kann die Zielzone oder der Zielspieler durch das Anlaufen blockiert werden.
Daneben wählt das angreifende Team den Zeitpunkt des langen Balls nicht frei. Laufwege in die Tiefe und der Pass lassen sich schlechter abstimmen. Auch die Staffelung für die Umsetzung der Intention mit dem langen Ball kann noch nicht ideal sein.
Dagegen bietet der bewusste lange Ball in vielerlei Hinsicht bessere Bedingungen für das angreifende Team:
- Die technische Umsetzung ist einfacher
- Wahrnehmung der Tiefe erleichtert
- Bessere Vorbereitung der Intention möglich (Kommunikation mit Tiefe und Staffelung)
Gleich gehts weiter...
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Autor: Luis Österlein









