Spielanalyse im Kinder- und Jugendfußball

Die Spielanalyse hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Vor 8 Jahren arbeitete ich erstmals in einem NLZ. Zu dieser Zeit zeichneten wir Spiele noch mit einer Kamera für den allgemeinen Gebrauch auf. Ohne Hochstativ. Lediglich ein kleines Baugerüst diente als Erhöhung.

Auch meine anschließende Arbeit mit den Spielaufzeichnungen war anfangs weniger professionell. Mit Block und Stift erfasste ich relevante Spielmomente. Dafür notierte ich die genaue Spielminute sowie einen zugehörigen Vermerk. Erst einige Monate später nutzte ich Analysesoftware und vereinfachte meine Arbeitsabläufe.

Mittlerweile arbeiten wohl alle NLZs mit Hochstativen und Kamerasystemen, welche speziell für die Spielanalyse entwickelt wurden. Dasselbe gilt auch für die Nutzung von Softwarelösungen für die Spielanalyse.

Doch nicht nur die Jugendteams der Bundesligisten nutzen diese Tools. Auch viele semi-professionelle Teams und Vereine aus dem Breitensport verfügen mittlerweile über Kamerasysteme für die Spielanalyse – und die werden nicht nur für den Herren- und Großfeldbereich im Jugendfußball genutzt. Immer häufiger sehe ich auch auf Spielen und Turnieren im Kinderfußball Hochstative sowie Kameras. 

Spielanalyse im Kinderfußball – ist das wirklich notwendig?

Diese Entwicklung macht mich nachdenklich: 

  • Kinderfußball und Spielanalyse?
  • Ist das nicht ein wenig früh?
  • Hilft das der Entwicklung der Kinder?
  • Oder ist das sogar kontraproduktiv?

Dazu ein paar Gedankengänge:

  • Kinder leben im Hier und Jetzt. Was eben spannend war, ist schnell vergessen. Sie grübeln in der Nacht nicht über eine verpasste Chance. Das Spiel ist für sie leicht, spontan und unbelastet. Konfrontiert man Kinder jedoch mit Spielszenen, nimmt man ihnen den vergänglichen und unbeschwerten Charakter ihres Spielerlebens.
  • Zudem bringt die Analyse von Spielszenen mit Kindern wenig. Bis zum etwa 10. Lebensjahr ist das Gehirn nicht wirklich in der Lage abstrakt oder hypothetisch zu denken. Zeigt man beispielsweise einem Achtjährigen eine Spielsituation und weist auf andere Lösungsoptionen hin oder formuliert allgemeine Regeln, wie „Wenn…, dann immer…“, wird damit kein Lerneffekt erzielt.
  • Als Trainer im Kinderfußball kann man Spielaufzeichnungen natürlich auch nur für sich selbst nutzen. Beispielsweise, um Entwicklungsfortschritte zu überprüfen und damit, das Training gezielter zu steuern. Im Kinderfußball geht es nicht wirklich um komplexe, kollektive Abläufe, sondern um das Individuum. Fraglich, ob eine Kamera in 8 Metern die „ideale“ Perspektive dafür bietet.
  • Die Vogelperspektive verleitet eher zu einem falschen Fokus – statt der Einzelspieler rücken Teamabläufe in den Fokus. 

Spielanalyse im Kinderfußball –Takeaways

  • Stelle dir folgende Frage: Bieten dir Spielaufzeichnungen einen wirklichen Mehrwert für die Entwicklung deiner Spieler?
  • Nutze die Spielaufzeichnungen nur für dich selbst
  • Richte deinen Fokus vor allem auf die Einzelspieler

Spielanalyse im Jugendfußball – den richtigen Fokus finden

Im Jugendfußball wird das Spiel größer, es gewinnt an Komplexität und kollektive Abläufe gewinnen an Bedeutung. Außerdem sind Spieler jetzt besser darin, abstrakt und logisch zu denken, sowie sich selbst zu reflektieren.

  • Die Eigenarbeit mit Spielaufzeichnungen hilft Trainern beim Verstehen eines komplexeren und größeren Spiels
  • Eine bessere Grundlage für Videoschulungen mit Spielern ist gegeben

Aber auch im Jugendfußball sollte der Hauptfokus weiterhin auf der Entwicklung von Spielern statt Mannschaftsprozessen und Erfolg um jeden Preis liegen. Dementsprechend sollten auch die Schwerpunkte in der Spielanalyse gesetzt werden:

  • Das größte Augenmerk sollte weiterhin auf den Einzelspielern liegen
  • Die Spielanalyse im Jugendfußball kann genutzt werden, um grundlegende kollektive Prinzipien und Abläufe zu verbessern – man sollte sich aber nicht in team-taktischen Details verlieren oder die Spielaufzeichnung für die Entwicklung von komplexen Mannschaftsabläufen nutzen
  • Die Gegnervorbereitung sollte im Jugendfußball nur eine sehr untergeordnete Rolle einnehmen – stelle dir immer die Frage: Dient dieser Arbeitsschritt in der Spielanalyse der Entwicklung meiner Spieler?

Gleich gehts weiter...

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Autor: Luis Österlein

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