„Meine Werkzeuge sind meine Augen und meine Worte.“
Dieser Satz beschreibt die Arbeit von Josip Hrgovic als Fußballtrainer ziemlich genau. Denn während viele Trainer auf eine eigene Spielerkarriere zurückgreifen und ihren Spielern Bewegungen oder technische Abläufe selbst demonstrieren können, musste Josip einen anderen Weg finden.
Er sitzt von Geburt an im Rollstuhl und konnte deshalb selbst nie aktiv Fußball spielen. Trotzdem ist Fußball seit seiner Kindheit seine große Leidenschaft. Heute blickt er auf über 13 Jahre Erfahrung als Trainer zurück und besitzt die UEFA B+-Lizenz.
Im 1x1SPORT #FUSSBALLTRAINER Podcast spricht Josip darüber, wie er seinen eigenen Weg als Trainer gefunden hat und warum sein Rollstuhl dabei im Trainingsalltag viel weniger relevant ist, als Außenstehende häufig vermuten.
„Du siehst auf dem Platz Dinge, die andere nicht sehen“
Der entscheidende Impuls für seine Trainerlaufbahn kam von einem Freund. Dieser sagte ihm irgendwann: „Du siehst auf dem Platz Dinge, die andere nicht sehen.“ Josip begann daraufhin, sich intensiver mit dem Trainerberuf auseinanderzusetzen.
Weil ihm die eigene Erfahrung als Spieler fehlt, musste er technische und taktische Abläufe von Beginn an besonders genau beobachten. Wie wird eine Bewegung ausgeführt? Warum funktioniert sie in einer Situation und in einer anderen nicht? Welche Details sind entscheidend? Diese Perspektive prägt seine Arbeit bis heute.
Seine wichtigsten Werkzeuge als Trainer seien deshalb seine Augen und seine Worte. Entscheidend ist für ihn nicht nur, einen Fehler zu erkennen. Er muss anschließend so kommunizieren können, dass der Spieler versteht, was Josip gesehen hat.
Wie funktioniert der Traineralltag im Rollstuhl?
Von außen entstehen schnell Fragen: Wie funktioniert eine Trainingseinheit? Wie läuft ein Auswärtsspiel ab? Und was passiert, wenn Kabinen oder Sportanlagen nicht barrierefrei sind? Für Josip wird darüber häufig viel mehr nachgedacht, als im Alltag tatsächlich notwendig wäre.
Bei einem Auswärtsspiel interessiert ihn vor allem, ob er die Sportanlage kennt und ob beispielsweise die Kabinen über Treppen erreichbar sind. Gibt es Hindernisse, findet sich gemeinsam mit Co-Trainern und Spielern eine Lösung.
Auch im Training sind die Aufgaben klar verteilt. Muss eine technische Bewegung demonstriert werden, übernimmt das beispielsweise ein Co-Trainer. Der Rollstuhl verändert also einzelne organisatorische Details, aber nicht seinen Anspruch an die Arbeit als Trainer.
Vom Tabellenletzten zur erfolgreichsten Rückrundenmannschaft
Wie wirkungsvoll diese Arbeit sein kann, zeigt ein Beispiel aus seiner U19. Als Josip die Mannschaft übernahm, befand sie sich drei Spieltage vor Schluss mitten im Abstiegskampf. Viel Zeit für Veränderungen gab es nicht.
Statt alles neu erfinden zu wollen, konzentrierte er sich zunächst auf wenige zentrale Punkte: höhere Intensität im Training, eine klare taktische Struktur und eindeutige Aufgaben für die Spieler. Die Mannschaft holte aus den verbleibenden drei Spielen zwei Siege und ein Unentschieden und sicherte den Klassenerhalt.
In der anschließenden Rückrunde entwickelte sich das Team weiter und landete an der Spitze der Rückrundentabelle. Besonders bemerkenswert: Dafür wurde nicht einfach die Mannschaft ausgetauscht. Die Entwicklung gelang weitgehend mit denselben Spielern.
Warum klare Regeln im Amateurfußball entscheidend sind
Für Josip beginnt erfolgreiche Trainerarbeit nicht erst bei komplexen taktischen Konzepten. Eine Mannschaft braucht zunächst Klarheit. Was erwartet der Trainer von seinen Spielern? Was erwarten die Spieler vom Trainer? Welche Regeln gelten für alle? Und welche Konsequenzen gibt es, wenn Vereinbarungen nicht eingehalten werden? Gerade im Breitensport sieht Josip hier ein großes Problem.
Fehlen klare Strukturen, verbringt ein Trainer einen erheblichen Teil seiner Zeit damit, organisatorische und zwischenmenschliche Probleme zu lösen. Josip bringt es drastisch auf den Punkt: Dann werde der Trainer gleichzeitig zum „Kindergärtner, Erzieher und Feuerwehrmann“.
Die eigentliche Aufgabe Fußball und die Entwicklung der Spieler gerät dadurch in den Hintergrund.

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„Wir wollen den Fußball neu erfinden“
Im Podcast äußert Josip auch Kritik an Entwicklungen im deutschen Jugendfußball. Seiner Meinung nach beschäftigen sich Trainer teilweise zu stark mit Fachbegriffen, Periodisierung, Belastungssteuerung und immer komplexeren taktischen Ideen. Dabei drohe das Wesentliche verloren zu gehen: Fußball spielen und Spieler individuell besser machen.
Gerade bei jungen Spielern müssten zunächst die Grundlagen sitzen. Ein Spieler sollte technische Fähigkeiten auch unter hohem Tempo und Gegnerdruck beherrschen, bevor immer komplexere taktische Inhalte in den Mittelpunkt rücken.
Für Josip ist deshalb auch der Maßstab für erfolgreiche Jugendtrainer relativ einfach: Sind die eigenen Spieler nach einer Saison auf und neben dem Platz besser geworden? Wenn die Antwort bei nahezu jedem Spieler Ja lautet, hat ein Trainer seinen Job erfüllt.
Das Ziel: Arbeiten im NLZ
Josip möchte zurück in den leistungsorientierten Fußball. Sein Ziel ist es, zukünftig in einem Nachwuchsleistungszentrum zu arbeiten und sich als Trainer auf höchstmöglichem Niveau weiterzuentwickeln.
Dass Menschen ihm aufgrund seines Rollstuhls zunächst weniger zutrauen, erlebt er immer wieder. Umso wichtiger ist ihm die Gelegenheit, seine Arbeit auf dem Platz zu zeigen. Denn letztlich möchte Josip nicht danach bewertet werden, ob er im Rollstuhl sitzt oder selbst als Spieler auf dem Platz stand.
Was Josip antreibt, wie er Fußball denkt und welche Prinzipien seine Arbeit als Trainer prägen, erfährst du in der neuen Folge des 1x1SPORT #FUSSBALLTRAINER Podcasts.
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