Trotz der Komplexität des Spiels, entscheiden oft simple Einzelaktionen über Sieg oder Niederlage. Nehmen wir beispielsweise das Viertelfinale in der Champions League zwischen Bayern München und Inter Mailand – der Schlüsselmoment für das spielentscheidende Tor von Mailand war ein Spielen und Gehen von Barella. Kein komplexer, kollektiver Ablauf. Nein, eine einfache, aber in der Umsetzung perfekte Fußballaktion.
Dieses Tor führte zu einem kritischen Hinterfragen meiner Trainerarbeit: Ich hatte den Eindruck gewonnen, dass ich mich gelegentlich in den großen Ausschnitten des Spiels verliere. Die Vogelperspektive der Spielanalyse verstärkte vermutlich diese Denkweise. Es war an der Zeit, dass ich das Spiel wieder mehr aus einer individuellen Ebene betrachte.
Dieser Gedankengang soll zu keinem Missverständnis führen: Nach Perfektion im Spiel zu streben ist mein Anspruch - aber das sollte nicht nur auf kollektiver, sondern auch auf individueller Ebene gelten. Das gilt besonders für den Jugendfußball:
➔ Wir bilden Spieler und keine Teams aus
Ich nahm diese Treffer also als Ausgangspunkt für eine intensivere Auseinandersetzung mit Fußballaktionen aus einer individuellen Perspektive. Mir ist bewusst, dass die individuellen Aktionen die kollektiven Abläufe prägen und beeinflussen. Ihr Zusammenwirken ist schlussendlich das Agieren des Teams.
Nichtsdestotrotz hilft es manchmal, das kollektive Denken (etwas) außen vor zu lassen, um genug Kapazitäten für die Perfektion der Einzelaktionen zu haben. Im zweiten Schritt kann dann immer noch die Brücke zu den mannschaftlichen Abläufen geschlagen werden.
➔ Ausbildung: Leite deine Spieler vom Kleinen zum Großen
Perfektion des Passspiels
In diesem Beitrag wird es um die Fußballaktion Passen gehen – wie lässt sich das Passspiel auf individualtaktischer Ebene perfektionieren? Dafür habe ich dir insgesamt 6 Tipps ausgearbeitet.
#1 Spiel mit 2 Kontakten
Ich erlebe es immer wieder, dass Spieler ohne jegliche Notwendigkeit direkt spielen. Das Ergebnis ist dann oftmals ein ungenaues Zuspiel, welches sein Ziel verfehlt. Aus einer technischen Perspektive ist es deutlich einfacher einen Ball von A nach B zu spielen, wenn er vorher unter Kontrolle gebracht wurde.
Das soll natürlich nicht heißen, dass die direkte Option aus dem Repertoire gestrichen werden sollte. Das Direktspiel wird beispielsweise benötigt, wenn…
- …der Gegnerdruck es erfordert.
- …eine Option nur für ein kurzes Zeitfenster verfügbar ist.
- …ein Überraschungsmoment erzeugt werden soll.
Für alle anderen Pässe ist es fast immer besser vorher einen 1. Kontakt durchzuführen, um unnötige Ballverluste zu vermeiden – daher: Spiel mit 2 Kontakten.
#2 Suche die offensivste Lösung
Der erste Gedanke sollte immer nach vorne gehen. Das gilt für Pässe und Dribblings. Und umso weiter nach vorne, umso besser – zumindest in der Theorie.

(Abbildung 1)
Gehen wir also zum Beispiel vom Innenverteidiger aus, ist die offensivste Lösung der Pass in den Rücken der gegnerischen Abwehr (1). Ist hier keine Option zu finden, wird eine Lösung zwischen den letzten Linien des Gegners gesucht (2). Lässt sich auch hier keine brauchbare Lösung finden, bleibt nur ein Pass in die nächste oder gleiche Ebene (3 und 4).
Der Grundgedanke „Suche die offensivste Lösung“ lässt sich wohl grundsätzlich auf fast alle Spielideen übertragen – sie lenkt die Aufmerksamkeit des Spielers zuerst nach vorne. Dadurch werden offensive Lösungen schneller erkannt und können so besser genutzt werden.
Welche offensive Option tatsächlich gewählt wird, hängt dann wiederum von der Spielidee ab:
➔ Welches Risiko möchte ich beim Ballvortrag eingehen?
➔ Wird das Spiel bestimmt, Räume oder Passwege präferiert?
➔ Wann und unter welchen Bedingungen suchen wir den Pass in den Rücken der Abwehr?
#3 Deine Intention: so lange wie möglich verstecken oder täuschen
Ich hatte mal einen Innenverteidiger im Team, der unfassbar präzise Flugbälle spielen konnte. Eine Waffe, die jedoch zunächst nicht zum Tragen kam. Das Problem lag nicht am Pass selbst, sondern an dem Ablauf davor. Der Spieler suchte mehrmals den Blick in die Tiefe, brauchte mehrere Kontakte und legte sich den Ball vor dem Pass tendenziell zu weit vor – es war also schon 3-4 Sekunden vorher klar, was passieren wird. Der Gegner verfügt also über genug Zeit, um sich abzusetzen.
Die Anpassung war klar: Alle Optionen im Blick behalten, ein kurzer Kontakt, nochmal kurz den Kopf heben, dann der Flugball. Es zeigte Wirkung. Die Flugbälle erreichten häufiger den Mitspieler im Rücken der gegnerischen Abwehr bzw. der Zielspieler hatte genug Raum, um den Ball ohne Gegnerdruck zu verarbeiten.
- Warum? Weil der Spieler seine Intention so spät wie möglich verraten hat.
Sergio Busquets zeigte mehrmals ein Passmuster, welches nicht nur die Intention versteckte. Obendrein täuschte er sogar eine andere Intention vor. Er öffnete sich mit dem ersten Kontakt in Richtung Flügel und auch sein Blick ging in diese Richtung. Und dann? Zack! Einen Pass durch die Schnittstelle ins Zentrum zu Messi. Ein vorhersehbarer Pass durch diese Lücke wäre wohl nie möglich gewesen.

(Abbildung 2)
Gleich gehts weiter...
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Autor: Luis Österlein







