Neue Wege im Nachwuchsfußball: Leo Teßmann über die Zukunft der Talentförderung

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Der deutsche Fußball befindet sich auf der Suche nach seiner alten Stärke. Spätestens seit dem WM-Aus 2018 und den schwindenden Spielminuten heimischer Talente in der Bundesliga wird offensichtlich, dass es in der Talententwicklung Optimierungsbedarf gibt. Einen fundierten und innovativen Blick auf diese Thematik wirft Leo-Jonathan Teßmann. Der Sportwissenschaftler und angehende Mediziner, der selbst zehn Jahre im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) von Hertha BSC ausgebildet wurde, ist Co-Autor des Buches „Denkfabrik Nachwuchsfußball“ und verantwortet heute als sportlicher Impulsgeber die Spiel- und Ausbildungskonzeption im Kleinfeld (U9 bis U12) bei Hertha BSC.

Wir bieten Leo Teßmann hier die Plattform, um seine Ansätze und Visionen für eine bessere Ausbildung junger Fußballer vorzustellen.

Ganzheitlichkeit statt Fragmentierung

Ein zentrales Problem im aktuellen Fördersystem sieht Teßmann in der sogenannten "Fragmentierung". Zu oft werde die Leistungsfähigkeit eines Spielers lediglich als simple Gleichung aus Technik, Taktik, Athletik und Psychologie betrachtet. Schwächen, wie etwa mangelnde Schnelligkeit, werden dann oft isoliert durch reines Sprinttraining behandelt, in der Hoffnung, dass dies automatisch zu einem besseren Fußballspieler führt.

Teßmann plädiert stattdessen für einen kompletteren Blick auf den Spieler und das Spiel:

"Wir müssen aufhören zu fragmentieren, wir müssen das Ganze sehen und wir müssen das Ganze auch möglichst ganzheitlich jederzeit trainieren und nicht so isoliert im Training denken."

Ein Sprint im Fußball hat aus seiner Sicht immer auch eine Entscheidungskomponente, ein spezifisches Timing und eine Richtung. Das Training sollte daher diese Komplexität abbilden, anstatt Fähigkeiten isoliert abzuarbeiten.

Die Debatte um die Frühselektierung: Warum Hertha auf die U9 setzt

Ein vieldiskutiertes Thema im Jugendfußball ist der Zeitpunkt, ab dem Kinder in ein professionelles NLZ-Umfeld wechseln sollten. Während einige Vereine später anfangen, sichtet Hertha BSC im Berliner Ballungsraum bereits sehr früh und startet mit einer U9. Teßmann untermauert diese Philosophie mit beeindruckenden Zahlen:

"Es ist tatsächlich so, dass wir von 2010 bis heute [...] ca. 75 oder 77 Spieler in den Profifußball gebracht [haben] bei Hertha BSC [...] Und deutlich über 70% dieser Spieler waren bei uns schon im Kleinfeld, also zwischen U9 und U12."

Auch ein Blick auf internationale Weltstars wie Jude Bellingham, Jamal Musiala oder Florian Wirtz zeigt, dass diese Ausnahmetalente bereits im Alter von sieben Jahren in Akademien gefördert wurden. Für Teßmann liegt der Vorteil der frühen Förderung im Ballungsraum auf der Hand:

"Denn wenn du früh die besten Spieler oder die [...] vermeintlich besten Spieler zusammenholst, dann trainieren die sich fast von alleine. [...] Wir in Berlin, wir wollen Käfigzocker entwickeln, wir wollen Duellspieler entwickeln."

Theorie in der Praxis: Freies Spiel und Polysportivität

Um junge Talente optimal zu fördern, hat Teßmann mit seinem Co-Autor Gora Sen konkrete Kernelemente der Frühförderung erarbeitet, die er auch bei Hertha BSC einbringt. Drei Aspekte stehen dabei besonders im Fokus:

  1. Das freie Spiel: Um eigenständige Entscheider auf dem Platz heranzubilden, wird den Spielern vor dem eigentlichen Training Zeit und Raum gegeben, selbstorganisiert zu kicken – ganz ohne den ständigen Input der Trainer.
  2. Polysportivität: Um eine zu frühe Spezialisierung zu vermeiden, setzt man auf Vielseitigkeit. Bei Hertha wird beispielsweise eine Halleneinheit pro Woche für polysportives Training, also sportartübergreifende Bewegungsangebote, genutzt.
  3. Aktive Elternarbeit: Eltern werden nicht als "nervige Nebensache" abgetan, sondern durch Elternabende und Elternvertretungen aktiv in den Prozess eingebunden und transparent über Erfolgsaussichten und Unterstützungsrollen aufgeklärt.

Neues Buch: Die Denkfabrik geht in die zweite Runde

Wer tiefer in Teßmanns ganzheitliche Ansätze eintauchen möchte, kann sich auf die brandneue, zweite Auflage seines Buches „Denkfabrik Nachwuchsfußball“ freuen. Das Werk wurde um rund 85 Seiten erweitert und beinhaltet nun QR-Codes, die zu acht neuen, interaktiven Experteninterviews in Form eines Videopodcasts führen.

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