Werte – Plakativer Schein oder wahres Sein? Tipps zum Aufbau einer gelebten Wertekultur im Nachwuchsfußball

All die schönen guten Werte: Respekt, der propagiert wird, Toleranz, die das Miteinander prägen sowie Zuverlässigkeit, die eine entscheidende Grundlage für effektiven Teamwork darstellen soll. Es sind Werte wie diese, die in Nachwuchsfußballabteilungen, aber auch Unternehmen, oftmals unübersehbar in Form von dicken Lettern an Wänden visualisiert, von allen Beteiligten eingefordert und gelebt werden sollen. Doch das Propagieren von Werten und das tatsächliche Leben und Umsetzen dieser im täglichen Miteinander sind oftmals zwei verschiedene Paar Schuhe. Dieser Artikel liefert Ansatzpunkte für die Entstehung und Weiterentwicklung einer Wertekultur in einer Nachwuchsfußballabteilung und geht dabei auch auf die Rolle des Trainers ein.

Werte – unser persönliches Navigationsgerät

Fußballspieler der hinter einem Tor nachdenklich vom Spielfeld geht.

Harris (2019) definiert Werte als „gewünschte umfassende Qualitäten, die allem Handeln zugrunde liegen“ (S. 308). Sie beschreiben demnach Verhaltensmuster, die wir Menschen aus persönlicher Überzeugung an den Tag legen wollen und unser Handeln prägen sollen. Werte geben an, welches Verhalten für uns von Bedeutung ist. Sie stehen uns permanent zur Verfügung, schließlich haben wir die Wahl, ob wir im Sinne oder entgegen unserer Wertvorstellungen handeln und leben wollen.

Werte stellen „Leitprinzipien“ (Harris, 2019, S. 305) dar, die uns als Orientierungshilfe dienen und eine Kompassfunktion einnehmen. Wie ein Kompass können definierte Werte die Richtung vorgeben und uns durch unser Leben leiten. Dabei drängen sie auf ihre dauerhafte Verwirklichung. Nur durch die Umsetzung dieser als Dauerzustand können letztlich Tugenden entstehen (Hermann, 2019). Von entscheidender Bedeutung ist es also, die persönlich für wichtig erachteten Werte ins alltägliche Handeln zu transferieren. 

Die Bedeutung von Werten im Nachwuchsfußball

Genau wie ausdefinierte Werte als wirkungsvoller Kompass für jeden Menschen auf individueller Ebene fungieren, kann eine gelebte Wertekultur insbesondere das soziale Miteinander im Nachwuchsfußball auf positive Art und Weise prägen. Denn wenn Werte in einer Nachwuchsfußballabteilung definiert, konkretisiert, und von allen als verbindlich in ihrer Umsetzung betrachtet werden, kann eine daraus resultierende Kultur die Arbeitsatmosphäre maßgeblich befruchten. So werden beispielsweise zwischen Mitarbeitern, also insbesondere Trainern, und Spielern, belastbare Beziehungen geschaffen, denn die Basis für gelungene Beziehungen stellt ein passender Umgang miteinander dar. Ist dieser geprägt von Wertvorstellungen, mit denen sich Trainer und Spieler identifizieren können, können Beziehungen wirkungsvoll gestaltet, weiterentwickelt und im Fall von auftretenden Schwierigkeiten auf der Beziehungsebene rasch wieder gestärkt werden. Maßgebliche Profiteure einer solchen Kultur sind also u.a. die Trainer selbst! Zudem stellen stabile und belastbare Beziehungen zwischen Trainern und Spielern die Grundlage für ein gemeinsames leistungsorientiertes Arbeiten dar.

Konkrete Tipps zur schrittweisen Entwicklung einer Wertekultur

Grundlegende Voraussetzungen für die Entwicklung einer Wertekultur stellen das Erkennen der Notwendigkeit und der Bedeutsamkeit einer solchen dar. Ebenso wie die Bereitschaft, in ein solches Langzeitprojekt zu investieren und sich permanent kritisch mit dem eigenen Handeln auseinanderzusetzen. Sind diese Grundvoraussetzungen gegeben und die Zielstellungen der Wertearbeit für die Mitarbeiter der Nachwuchsabteilung klar, bietet eine Abstimmung darüber, welche Werte das soziale Miteinander prägen sollen, die Möglichkeit, zunächst einen Überblick darüber zu erhalten, welche Werte für die Mitarbeiter eine persönliche Bedeutung besitzen. Wie bereits angerissen stellt die Identifikation von Werten die Grundlage dar, um diese auch täglich im sozialen Miteinander zu leben.

In einem folgenden Schritt, innerhalb dessen u.a. der Trainer die große Chance hat, die von ihm gewünschte Kultur mitzuprägen, kann beispielsweise in Form einer Austauschrunde mit allen Mitarbeitern der Nachwuchsabteilung eine verbindliche Festlegung auf eine bestimmte Anzahl an Werten erfolgen, ehe eine Konkretisierung dieser nötig ist. Leitsätze in Form von Ich- oder Wir-Botschaften können diesen Prozess unterstützen, sodass den Beteiligten ersichtlich wird, was unter dem definierten Wert inhaltlich zu verstehen ist und worin sich das Leben dieses Werts im Alltag konkret zeigt. Beispielhaft für den Wert Toleranz könnten sich die Mitarbeiter auf den Leitsatz Ich achte die Meinungen, Überzeugungen und Ansichten anderer einigen.

Verankerung neuer Denk- und Verhaltensmuster

4-Augen-Gespräch mit jungem Spieler zur Wertekultur

Was wie ein lockeres Gespräch aussieht, hat immense Bedeutung – für den Trainer, aber auch für den Spieler.

Der folgende sehr zeitintensive Stepp stellt wohl die größte Herausforderung in der Etablierung einer gelebten Wertekultur dar. In diesem geht es für die Mitarbeiter darum, an sich selbst und am Umgang miteinander zu arbeiten – mithilfe der identifizierten Werte und Leitsätze. Erst wenn diese ein fester Teil der eigenen Denk- und Verhaltensmuster geworden sind, erst wenn die Mitarbeiter in der Lage sind, als Vorbilder voranzugehen, kann das Leben der Werte und Leitsätze insbesondere von den Spielern, zielführend eingefordert werden. Norbert Elgert (2019) sagt: „Führen durch das Beispiel ist enorm wichtig. Wasser predigen und Schnaps trinken funktioniert nicht (S.10).“ Die Verantwortung der Mitarbeiter, insbesondere der Trainer als Führungskräfte, besteht also darin, als Positivbeispiele voranzugehen. Eine permanente Selbstreflexion sowie regelmäßige Feedbackrunden können hierbei unterstützend wirken.

Anschließend gilt es, den Spielern die für die Nachwuchsabteilung relevanten Werte und Leitsätze näherzubringen, beispielsweise in Form von interaktiven Workshops, und permanent mit ihnen daran zu arbeiten, diese immer kontinuierlicher in den Alltag zu implementieren. Insbesondere die Mannschaftstrainer der einzelnen Teams stehen an dieser Stelle in der Verantwortung, individuelle und kollektive Verhaltensweisen gemeinsam mit den Spielern kritisch zu reflektieren, aber ebenso, gelebte Werte und Leitsätze positiv zu bestärken. Auch die gezielte Durchführung sozialer Projekte – sowie eine aktive Vorbereitung auf diese und eine gezielte Reflexion im Anschluss – kann diesen Prozess wirkungsvoll unterstützen. Damit die Eltern, die oftmals die unmittelbaren Bezugspersonen ihrer Kinder darstellen, als Unterstützer und Multiplikatoren der Wertearbeit wirken können, kann ein aktiver Einbezug dieser, z.B. durch eine aktive Aufklärungsarbeit, Sinn ergeben. Auch an dieser Stelle sind hauptsächlich die Mannschaftstrainer gefragt.

Wertearbeit als permanenter Prozess

Eine ernstgemeinte Wertearbeit ist dabei als nichts anderes zu verstehen als ein permanenter und niemals abgeschlossener Prozess. Es braucht immer wieder den konstruktiven und kritischen Austausch zwischen allen, die Teil der Nachwuchsabteilung sind, und ggf. Modifikationen sowie Ergänzungen hinsichtlich der aufgestellten Werte und Leitsätze.

Gelingt dies, stellen gelebte Werte ein wahres Sein dar – und damit eben deutlich mehr als ein Schein, der insbesondere durch spektakulär anmutende Visualisierungen zustandekommen mag.

Janosch Daul

Leiter Sportpsychologie im Nachwuchs des Halleschen FC

Quellen:
Elgert, N. (2019). Gib alles nur nie auf! Die Erfolgsstrategien vom Trainer der Weltstars. Ariston: München.
Harris, R. (2019). ACT leicht gemacht. Ein grundlegender Leitfaden für die Praxis der Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Arbor: Freiburg.
Hermann, H.-D. (2019). Sportpsychologische Ethik: Pflichten – Werte – Grenzen. In: K. Staufenbiel, M. Liesenfeld & B. Lobinger (Hrsg.). Angewandte Sportpsychologie für den Leistungssport (S. 59 – 71). Hogrefe: Göttingen.
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