Ärger auf dem Fußballplatz – kein Grund zur Panik!

Ein verzweifelter Blick, abwinkende Gesten, Tritte in die Luft oder gar gegen den Pfosten, Hadern mit sich und der Welt - Ärgerreaktionen auf bestimmte Situationen können vielfältig sein und doch eint sie eines: Der Verlust von Konzentration auf die kommende Spielsituation. Welchen Einfluss haben negative Emotionen und insbesondere langwierige Ärgerreaktionen auf die Leistungsfähigkeit von Fußballern? Wie können Trainer ihre Spieler dabei unterstützen, bestmöglich mit Ärgersituationen umzugehen? Mit diesen Fragestellungen möchte ich mich in diesem Beitrag beschäftigen.

Emotionen im Fußball

Sowohl positive als auch negative Emotionen spielen im Fußball eine bedeutende Rolle. Positive Emotionen wie Freude entstehen meist, wenn ein bestimmtes Ziel erreicht wurde und die Ursache hierfür in den eigenen Fähigkeiten gesehen wird. Angst als negative Emotion ist meist die Folge einer Geringschätzung der eigenen Fähigkeiten im Vergleich zu der Aufgabe, die es zu bewältigen gilt: Der Spieler glaubt nicht daran, mit seinen Qualitäten der Anforderung gerecht werden zu können. Ärger tritt meist auf, wenn ein Ziel nicht erreicht werden konnte. Emotionen sind und bleiben ein wichtiger Bestandteil eines Fußballspiels, doch entscheidend ist ein im Sinne der Leistungsfähigkeit funktionaler Umgang mit diesen.

Formen des Ärgerausdrucks

Für Außenstehende wird eine Ärgerreaktion am deutlichsten, wenn der Kicker sichtbare Zeichen der Frustration erkennen lässt. Über seinen Körper, seine Sprache, Gestik oder Mimik lässt der Fußballer die Außenwelt an seinem Gefühlsleben teilhaben. Dies kann sich z.B. in verbalen Ausbrüchen, abwinkenden Gesten oder in Tritten in die Luft ausdrücken. Der Fußballer lässt seinem Ärger folglich freien Lauf. Diese Form des Ärgerausdrucks wird als „Anger out“ bezeichnet.

Manche Spieler dagegen neigen dazu, den Frust in sich „hineinzufressen“ („Anger in“). Die Gedanken kreisen nur noch um die ärgerauslösende Situation und die Konsequenzen. Der Fokus kann, wenn sich ein Spieler in einem solchen Modus befindet, nicht mehr auf das Wesentliche, nämlich die kommende Situation, gelenkt werden.

Beim „Anger control“ dagegen schafft es der Spieler, über Bewältigungsstrategien möglichst schnell wieder ein inneres Gleichgewicht herzustellen und somit wieder zur ursprünglichen Leistungsfähigkeit zurückzufinden. Eine Möglichkeit, wie ein solch sinnvolles Verhalten trainiert werden kann, wird im weiteren Verlauf des Beitrags verdeutlicht.

Konsequenzen einer langwierigen Ärgerreaktion

Sowohl der Ärgerausdruck des „Anger in“ als auch der des „Anger out“ gehen mit einigen unmittelbaren Folgen einher, die für den Fußballer nicht leistungsförderlich sind. Neben einer über ein gesundes Maß hinausgehende Aktivierung ergeben sich für den Spieler insbesondere kognitive Beeinträchtigungen: Oftmals belasten störende, meist negative Gedanken oder Selbstgespräche den Fußballer. Zudem geht die Konzentration auf die nächste Spielsituation verloren. Die Wahrnehmungsfähigkeit ist in solchen Momenten stark eingeschränkt. Der Spieler nimmt eine Art „Tunnelblick“ ein, der dazu führt, dass von außen eintreffende Reize nicht mehr funktional verarbeitet werden können. Eine Fähigkeit, die in der komplexen Spielsportart Fußball von enormer Bedeutung ist. Zudem führt eine zu lange Beschäftigung mit einer Ärgersituation zu Zeitverlusten, die insbesondere in Umschaltmomenten nicht zu verschmerzen sind. Ärgerreaktionen haben zumeist auch eine mangelhafte Körpersprache zur Folge. Dies wirkt einerseits negativ auf das eigene Gemüt, da Körper und Informationsverarbeitung in enger Wechselwirkung zueinander stehen. Andererseits hat eine negative Körpersprache auch immer eine aufbauende Wirkung auf den Gegner, der umso erfolgszuversichtlicher wird, je resignierter und frustrierter sich die gegnerischen Spieler präsentieren.

Ärgerauslösende Situationen

Claus Schromm gibt einem Spieler Tipps

Im Training wie im Spiel gibt es eine große Bandbreite an möglichen Szenarien, die Ärgerreaktionen eines Spielers provozieren können. Zunächst einmal sind zahlreiche Verhaltensweisen von Akteuren zu nennen, die direkt oder indirekt am Training oder Spiel beteiligt sind. Die Trainer als unmittelbare sportliche Bezugspersonen für den Spieler haben einen großen Einfluss auf diesen. Kritik oder Beschimpfungen als Reaktion auf wahrgenommene Fehlleistungen des Kickers im laufenden Training oder Spiel rufen oftmals Ärger- und Stressreaktionen im Fußballer hervor; insbesondere dann, wenn sich dieser ungerecht behandelt fühlt und die Situation anders einschätzt. Weitere Störelemente können provozierende Verhaltensweisen gegnerischer Eltern oder des gegnerischen Trainers sein, der durch Kommentare und Gesten von außen versucht, die Spieler des gegnerischen Teams zu verunsichern. Auch das Verhalten von Gegenspielern, die den Fußballer durch Fouls daran hindern, eine Aktion zu initiieren, fortzusetzen oder zu beenden, wird oftmals zur Ursache sichtbaren Ärgers.

Eine meist noch bedeutsamere Quelle für die Entstehung entsprechend negativer Reaktionen sind eigene Fehlleistungen oder solche der Mitspieler. Dies können vergebene Torchancen, verlorene Zweikämpfe, Stellungsfehler, verpasste Abspielmöglichkeiten und große Patzer sein, die mitunter sogar ein Gegentor zur Folge haben können. Auch Schiedsrichterentscheidungen, die gegen das eigene Team getroffen werden, sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Die Ärgerreaktionen des Spielers sind in der Regel umso gravierender, je bedeutsamer sich eine Entscheidung aus Sicht des Fußballers darstellt. So führen Elfmeterentscheidungen zumeist zu größeren emotionalen Ausbrüchen und zu längeren Phasen mangelnder Konzentrations- und Leistungsfähigkeit als vergleichsweise unbedeutende Foulentscheidungen in torungefährlichen Zonen des Spielfelds. Die äußeren Bedingungen stellen einen weiteren potenziellen Auslöser für Ärgerreaktionen dar. Egal, ob ein unebener Rasen, der die Bälle verspringen lässt oder heftig aufkommender Wind – die äußeren Bedingungen selbst entziehen sich der Kontrolle des Spielers und können ihn gegebenenfalls an seiner Zielerreichung hindern.

Erlernen eines funktionalen Umgangs mit Emotionen

Genau wie Passtechniken trainiert, Spielzüge einstudiert und konditionelle Grundlagen gelegt werden können, ist es möglich, einen funktionalen Umgang mit Emotionen wie Ärger mit vergleichsweise einfachen Mitteln zu trainieren. Eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Trainerteam und einem Sportpsychologen kann dabei hilfreich sein.

Der erste Schritt besteht in einer Aufklärung durch den Trainer oder Sportpsychologen hinsichtlich des Themas. Ziel muss es in dieser Phase sein, den Fußballer für die Thematik zu sensibilisieren und insbesondere den Zusammenhang zwischen Ärgerbewältigung und Leistungsfähigkeit zu verdeutlichen.

Das Ziel des anschließenden Bewältigungstrainings besteht darin, dass der Fußballer, um den Fokus rasch von der ärgerauslösenden Situation hin zur kommenden Situation verschieben zu können, praktische Bewältigungsstrategien erlernt.

Nach der Aufklärung folgt die Konfrontation

Der Trainer oder Sportpsychologe kann den Spieler an dieser Stelle mit ärgerauslösenden Situationen aus Trainingseinheiten und Spielen in Form von zusammengeschnittenen Szenen konfrontieren. Für jede dieser Szenen sollte der Spieler individuell passende Selbstgespräche entwickeln. Diese sollten relativ kurz und unbedingt positiv formuliert sein. Zudem ist mit jedem Spieler individuell ein Trigger zu entwickeln, der es ihm ermöglicht, die Ärgerroutine zu initiieren, sobald er in eine langwierige Ärgerreaktion hineinzurutschen droht. Mögliche Trigger können beispielsweise darin bestehen, kurz auf die Zunge zu beißen, mit einer Hand kurz den Oberschenkel zu touchieren oder mit zwei Fingern zu schnipsen. Zudem sollte er sich ein inneres Bild in Form eines Orts oder Symbols überlegen, das ihn entspannt und beruhigt.

Trockentraining der Ärgerroutine

Dann beginnt das eigentliche Training. Der Spieler versucht, sich mit allen Sinnen in die ärgerauslösende Situation hineinzuversetzen, sich diese vorzustellen und in dieser Vorstellung mit der entwickelten Routine (Trigger + Selbstgespräch + Vorstellung des Symbols/Bildes) auf den Ärgermoment zu reagieren. Wichtig ist eine regelmäßige Wiederholung dieser Routine bis hin zur Automatisierung.

Daniel Weber beim erläutern einer Übung

Überführung der Routine in die Trainings- und Wettkampfpraxis

Sind die Selbstgespräche verinnerlicht und ist die Routine mehrfach im Trockentraining durchgespielt worden, kann zum nächsten Schritt übergegangen werden und der Spieler versucht, die Routine in entsprechenden Trainingssituationen anzuwenden. Wichtig ist insbesondere in der Phase, in der die Routine noch nicht automatisiert wurde, dass der Trainer oder Sportpsychologe z.B. über ein im Vorhinein abgesprochenes Signalwort den Fußballer im Training immer wieder an die Routine erinnert. Mit zunehmendem Üben sollte der Spieler in der Lage sein, die Routine eigeninitiativ abzurufen. Der letzte Schritt besteht in der Überführung in die Wettkampfpraxis. Wichtig ist ein ständiger Austausch zwischen dem Sportpsychologen, dem Trainerteam und dem Spieler, um die Routine gegebenenfalls anzupassen und zu optimieren.

„Ärgertrainings“ als zusätzliche Übungshilfe

Mithilfe von Ärgertrainings kann der Trainer zudem gezielt Reizpunkte setzen. Gemein haben Ärgertrainings, dass die Anforderungen an die Selbstgesprächsregulation aufgrund zahlreicher ärgerauslösender Situationen höher sind als in einem gewöhnlichen Training. Ein Beispiel für ein solches Training besteht darin, dass der Trainer in einer Spielform bewusst falsche Schiedsrichterentscheidungen trifft. Durch Trainings solcher Art kann nicht nur der Einsatz der Ärgerroutine gefestigt werden, sondern auch überprüft werden, wie leistungsfähig ein Spieler hinsichtlich einer funktionalen Ärgerbewältigung bereits ist.

Janosch Daul

Leiter Sportpsychologie im Nachwuchs des Halleschen FC

Literatur:
Alfermann, D. & Stoll, O. (2007). SPORTPSYCHOLOGIE-Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (2. Aufl.). Aachen: Meyer & Meyer.
Croos-Müller, C. (2011). Kopf hoch- das kleine Überlebensbuch. Kösel: München.

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