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Fußballtaktik: Erfolg gegen mauernde Gegner durch Gedanken- und Aktionsvorsprung

Aussterben des Libero lässt den Gassenpass aufleben

Das Wichtigste bei jedem Angriff ist der Gedankenvorsprung vor den gegnerischen Akteuren – denn dieser bedeutet gleichzeitig einen Aktionsvorsprung. Dabei macht Reichel einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Fußball vor 20 Jahren und dem heutigen Spiel aus: In der Zeit der Liberos wie Lothar Matthäus gestaltete sich das Zuspiel hinter die Abwehrkette deutlich schwieriger. Heute geht für den ehemaligen Zweitligaspieler alles über das Gassenspiel oder das Direktpassspiel in der Spitze.

Reichel blickt im Angriffsspiel in erster Linie auf zwei Räume. Die Distanz zwischen Passgeber und letzter Abwehrkette nennt er D1. Der Raum, in dem hinter der Abwehrkette der Ball erlaufen werden kann, heißt D2. Damit die gegnerischen Abwehrspieler so wenig Reaktionszeit wie möglich haben, sollte D1 so kurz wie möglich gehalten werden. Je größer D2 ist, desto ungenauer kann der Pass gespielt werden.

Erst auf den Platz, dann an die Taktik-Tafel

Zunächst visualisiert Reichel seine Vorstellungen mit Taktik-Übungen auf dem Platz, erst anschließend erklärt der ehemalige Stürmer sein Vorhaben noch einmal an der Taktik-Tafel. Der Grund: Menschen nehmen alles über die Augen auf. Deshalb gilt das Motto: Lieber einmal sehen als 100mal hören. Weil es beim Taktik-Training allein um das Verständnis geht, handelt es sich um eine reine Kopfsache.

Der Trainer sollte mit einer Handlungsstrukturanalyse (HSA) arbeiten. Er braucht also eine genaue Vorstellung, wie und wohin er auf dem Feld verschieben will und wie er offensiv agieren lässt. Ebenso wichtig sind im Training Übungen in taktischen Spielformen – etwa mit technisch-taktischem Rundlauf (TTR).

Während des Trainings gibt es jedoch auch einige Schwierigkeiten zu beachten. Da Stürmer und Abwehrspieler größtenteils zusammen trainieren, ist der Gedankenvorsprung im Offensivspiel während der Übungen nicht vorhanden. Außerdem gestaltet sich ausgiebiges Taktik-Training mit Verschieben hierzulande im Winter wegen der eisigen Temperaturen als kompliziert.

Spieler aktiv in Vorbereitung des Trainings einbinden

Reichel schult die Taktik stets schon vor dem Erwärmen. Der Grund: Menschen können sich am besten einprägen, was ihnen zu Beginn und am Ende gelehrt wurde – der so genannte Primacy-Recency-Effekt. Also beginnt und endet das Training mit einer Handlungsstrukturanalyse.

Ein Tipp von Reichel: Zum Abschluss sollen die Spieler noch einmal zeigen, was sie gelernt haben. Denn nur so beweisen sie: Wir haben alles verstanden. Um das Verständnis zu forcieren, kann der Trainer seine Spieler auch bestimmte Trainingsformen aufbauen und erklären lassen. So müssen sie sich intensiv mit der Übung beschäftigen. Ralf Rangnick etwa gab seinen Spielern schon als Trainer in Ulm Unterlagen mit nach Hause und fragte sie beim nächsten Training ab. Positiver Nebeneffekt: Der Spieler wird immer mehr zum Trainer.

Zwei Taktiken im Wechsel: Ballbesitz oder Torgefahr

Beim Offensivspiel gibt es zwei Ziele: Ein Tor zu erzielen bzw. zum torgefährlichen Abschluss zu kommen und möglichst lange in Ballbesitz zu bleiben. Reichel unterscheidet demnach zwischen zwei Taktiken:

Ballbesitz-Spiel:
In jedem Spiel sind Phasen der Ruhe wichtig, um regenerieren zu können. Dabei ist es uninteressant, ob der Gegner jeden Weg des Balles mitgeht. Reichel zieht drei seiner vier Spieler aus der Offensive – bei ihm die vierte Reihe – weg und lässt den Ball in den ersten drei Reihen – also Abwehr sowie defensives und offensives Mittelfeld – zirkulieren.

Torgefahr-Spiel:
Der einfachste Weg zum Torerfolg bietet sich über das schnelle Umschalten und Kontern, wenn der Gegner ungeordnet ist – etwa von Borussia Dortmund unter Trainer Jürgen Klopp perfektioniert. Ansonsten gilt es, einen planvollen Angriff mit Spielern aus zweiter, dritter und vierter Reihe aufzubauen.

Entscheidend für den Erfolg ist, dass die Spieler zwischen diesen beiden Spielarten variieren können. Aber auch das garantiert nicht an jedem Wochenende die drei Punkte: Denn im Fußball spielt schließlich auch Glück eine Rolle und das technische Unvermögen kann einer an sich überlegenen Mannschaft einen Strich durch die Rechnung machen.

Taktik hängt immer von D1 und D2 ab

Gegen einen tiefstehenden Abwehrverbund gibt es mehrere Möglichkeiten, um eine Torchance herauszuspielen:

Gassenpass:
Das Verhältnis zwischen D1 und D2 – also dem Raum zwischen Passgeber und letzter Abwehrkette sowie dem Raum, in dem der Ball hinter der Abwehr erlaufen werden kann – muss so gestaltet werden, dass ein Gassenpass möglich ist. Früher standen dem Lothar Matthäus und Co. als Libero entgegen. Bei heutigen Viererabwehrketten sind zwischen den Abwehrspielern mindestens zwei Meter Platz – mehr als genug für einen Pass hinter die Reihe. Wichtig: Der Stürmer sollte sich seitlich zu seinem Gegenspieler stellen, um sofort durchstarten zu können.

Direktpassspiel in die Spitze:
Kann der Ball nicht durchgesteckt werden, weil das Verhältnis zwischen D1 und D2 dies nicht zulässt, greift Reichel zum Kombinationsspiel. Dafür benötigt der angespielte Stürmer einen Ein-Kontakt-Spieler in seiner Nähe – etwa einen Sturmpartner. Der Angreifer kann etwa seinen Gegenspieler blocken, so wie es Luca Toni in seinen besten Zeiten grandios beherrschte, und dann den Ball direkt durchstecken. Das Zuspiel aus dem Mittelfeld sollte als No-Look-Pass ausgeführt werden, denn der Stürmer ist hellwach und rechnet jederzeit mit dem Ball. Außerdem lässt sich mithilfe eines Zehners, der zwei Defensivspieler bindet, die Distanz zwischen Passgeber und Abwehrreihe – also D1 – verkürzen.

Reichel hat festgestellt, dass Gassenpässe vornehmlich seitlich aus dem Halbfeld gespielt werden. Aus dem Zentrum sind diese steilen Bälle dagegen deutlich seltener – wahrscheinlich weil sie aus dieser Position zumeist schräg nach außen und damit etwas weg vom Tor gespielt werden.